Bei einem Gespräch mit einer ehemaligen Teilnehmerin meiner Schreibwerkstätten erzählte sie, dass sie in einem Forum ist, in dem sie Texte einstellt, Texte von anderen kommentiert und selbst auch Kommentare erhält. Dabei war ihr aufgefallen, wie sehr manche Schreibende sich doch vor ihre Texte stellen, wenn ein anderer etwas in ihren Augen völlig Unverzeihliches tut, nämlich „kritisieren“. Ich bin der Meinung, wenn ich für andere Menschen schreiben möchte, dann muss ich auch in der Lage sein, mein Schreiben so anzupassen, dass andere meine Texte verstehen und sie sie aus welchen Gründen auch immer gerne lesen möchten.

Das bedeutet ja nicht, dass nun alle die etwas einfacher gestrickten Geschichten aus den sogenannten Dreigroschenromanen schreiben müssen. Manch einer mag es, schwere Kost zu lesen und auch einmal ein wenig zu rätseln, wohin die Geschichte geht und was mit einer Andeutung gemeint ist. Wenn einem Autoren oder eine Autorin aber neun von zehn Lesern sagen, dass der Text nicht verstanden wurde, dann hat es keinen Sinn, diesen neun den Text zu erklären. Schließlich ist jemand, der den Autorenberuf ergriffen hat, nicht eine Stunde am Tag am Schreibtisch, um sich neue Texte zu ersinnen, und sieben Stunden am Tag am Telefon, um frustrierten Leser diese Texte zu erklären.

Ein Text muss für sich selbst sprechen. In der Gruppe 47, in der sich namhafte Schriftsteller trafen und unter anderem über ihre Texte sprachen, war es die Regel, dass der Autor selbst zunächst nichts zu seinem Text sagte, sondern die Gruppe sich darüber unterhielt. Der, der vorgetragen hatte, durfte sich Notizen machen und schweigend zuhören. Am Ende fiel ihm das Schlusswort zu. Ein Begriff für diese Vorgehensweise ist auch „Textgericht“. Es ist hierbei unbedingt darauf zu achten, dass es sachlich um den Text geht, Meinungen begründet werden und der Urheber, die Urheberin des Textes nicht persönlich angegriffen wird. Kritiken beziehen sich lediglich auf den Text. Auch hierbeigibt es immer wieder Begebenheiten, in denen ein plötzlich zwischen Autor und Gruppe ein Dialog entsteht, in dem der Autor seinen Text erklärt. Natürlich versteht jeder einen Text anders, wenn er ihn erklärt bekommt. Aber genauso natürlich wird diese Erklärung nicht bei einem Buch, E-Book, Hörbuch oder welcher Möglichkeit der Veröffentlichung auch immer mitgeliefert. Also sollte man wohlweislich den Mund halten und zuhören. Und selbst bei den Texten der anderen aufmerksam und konstruktiv mitdiskutieren. Schließlich ergibt sich immer mal die Möglichkeit, dass man einen Text, eine Passage, eine Handlung, einen Dialog anders verstanden hat als der vorherige Kritiker.

Wer in der Lage ist, Kritik an seinen Texten zuzulassen, sie teilweise auch annehmen und seinen Text entsprechend ändern kann, ist auf dem richtigen Weg. Kein Text ist so gut, als dass er nicht in irgendeiner Form verbessert werden könnte. Schreiben bedeutet auch eine Weiterentwicklung. Und besteht man auf seinen eigenen Kreationen, bleibt man auf der Stelle stehen.

Das Kommentieren von Texten anderer wiederum schärft den Blick auch für die eigenen Texte. Mit den Erfahrungen aus Textbesprechungen – sowohl der eigenen als auch der Texte anderer – ist man in der Lage, Texte von Beginn an besser zu schreiben und im weiteren Verlauf besser und effizienter zu überarbeiten. Nimmt man sich diese Möglichkeit, weil „die anderen ja keine Ahnung haben“, wird das mit dem Schreiben auch nicht so wirklich klappen.

Photo by St. Mattox from FreeImages

Veröffentlicht von Anne Haase

Dozentin in der Erwachsenenbildung, breit gefächert mit Schreibwerkstätten, Kursen zu Akkordgitarre für den Hausgebrauch, Begleiterin von lernenden Analphabeten. Ich mache noch mehr, aber das würde hier den Rahmen sprengen und ist für mein Bloggen nicht von Bedeutung.

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