Vor etwas über einem halben Jahr saß eine Frau in einem Beratungsgespräch vor mir. Bei jeder zweiten Aussage, die ich traf, brach sie in Tränen aus. Dabei sagte ich „nur“ solche Sachen wie:

„Es gibt viele, die nicht so gut lesen und schreiben können.“

„Wir meinen immer, alle anderen können lesen und schreiben, aber es gibt über sieben Millionen Erwachsene in Deutschland, die das nicht richtig gelernt haben.“

„Gehen Sie in die Fußgängerzone und zählen Sie ab: Im Schnitt jeder siebte oder achte Erwachsene hat Probleme mit dem Lesen und Schreiben.“

„Sie sind nicht schuld, dass Sie das nicht können. Sie waren ein Kind, als Sie in der Schule waren, und dafür, dass Sie das nicht gelernt haben, haben andere gesorgt.“

„Sie werden das auch lernen. Es dauert zwar, aber Sie lernen das. Bestimmt.“

„Sie können aber viel, das ist doch toll!“

Nach diesem Gespräch war das Taschentuchpäckchen leer, eine Frau getröstet und guter Dinge, dass sie vielleicht doch noch irgendwann selbstständig leben, wohnen und arbeiten kann.

Möglichkeiten, andere nicht merken zu lassen, dass man nicht in der erwarteten Kompetenz lesen und schreiben – und womöglich rechnen – kann, gibt es viele. Überlegen Sie mal bei einzelnen Personen, die Ihnen nahestehen, wann Sie das letzte Mal gesehen haben, dass diese mit der Hand schreiben oder wann sie einen längeren Text spontan laut und flüssig vorgelesen haben. Bei den meisten werden Sie feststellen, dass Sie das noch nie wahrgenommen haben.

Aber vielleicht erinnern Sie sich an eine Situation an einem Geld- oder Kontoauszugsautomaten, an dem eine genervte oder auch freundliche Bankangestellte jemandem erklärte, wie man dieser Maschine Geld oder Papier entlocken kann. Vielleicht fiel am Ende auch der Satz: „Aber nochmal erkläre ich Ihnen das nicht!“ (Im O-Ton schon so mitbekommen!)

Oder der Freund, der im Restaurant immer das bestellt, was Sie selbst auch bestellen, weil er „keine Lust hat, das Kleingeschriebene zu lesen“. Der immer die Brille vergisst.

Menschen, die überhaupt keins der Bücher kennen, die in letzter Zeit auf den Bestsellerlisten standen und irgendwie viral gingen. Aber sobald das Buch verfilmt wurde, kennen sie es auch.

Rechenspiele oder Würfelabende, bei denen man schnell Zahlen zusammenrechnen muss, sind heute auch nicht mehr so geläufig. Wissen Sie, wie gut Ihre Mitmenschen im Rechnen sind?

Es gibt viele Möglichkeiten, um das Lesen, Schreiben oder Rechnen herumzukommen. Und wir fragen es bei unserem Gegenüber auch nicht ab, denn wir gehen davon aus, dass jeder es kann. Und vielleicht können wir uns auch vorstellen, dass es einem Menschen, der mit einer so „alltäglichen Fähigkeit“ Schwierigkeiten hat, peinlicher ist, sich damit zu outen, als eine ansteckende Krankheit zuzugeben.

In der Mini-Serie „Das Kreuz mit der Schrift“, die aktuell wieder bei BR Alpha läuft, sagt eine Betroffene: „Das zuzugeben ist jedes Mal wie ein bisschen sterben.“

Es ist so schrecklich, es zuzugeben.

Und es kann sehr befreiend sein, sich endlich mit anderen in einer kleinen Gruppe zusammenzusetzen und in entspannter, würdevoller, respektierender und wohlwollender Atmosphäre zwar langsam, so aber stetig, diese Fähigkeit anzueignen.

Das hat die Frau aus dem Beratungsgespräch auch getan. Sie kommt mit Freude und macht große Fortschritte.

Photo by pipp from FreeImages

Veröffentlicht von Anne Haase

Dozentin in der Erwachsenenbildung, breit gefächert mit Schreibwerkstätten, Kursen zu Akkordgitarre für den Hausgebrauch, Begleiterin von lernenden Analphabeten. Ich mache noch mehr, aber das würde hier den Rahmen sprengen und ist für mein Bloggen nicht von Bedeutung.

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