Ein Profi äußerte einmal „Es gibt keine Schreibblockade, schließlich gibt es für den Postboten auch keine Austrageblockade.“ (Dieses Zitat ist aus dem Kopf und war im O-Ton ein wenig anders, aber dies war das Kernstück der Aussage.)

Im Prinzip stimmt das. Macht man eine Tätigkeit beruflich, sollte man so viel Erfahrung und Schwung haben, um sie auch in Krisenzeiten gut bewältigen zu können. Andererseits – auch wenn ein Briefträger in mancher Hinsicht sehr kreativ sein muss, um seine Aufgaben zu lösen, gehört zum Handwerk des Schreibens auch eine ganze Menge Kreativität dazu. Und Kreativität hat nun mal die Angewohnheit, nicht ständig 24/7 in vollem Umfang zur persönlichen Verfügung zu stehen.

Aber zunächst: Was ist eigentlich eine Schreibblockade?

Ich biete in meinen Schreibwerkstätten immer mal eine Übung zu Schreibblockaden an; es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich dem Thema zu nähern. Immer wieder sind dann Teilnehmer dabei, die eine Schreibblockade nicht als „Problem“ sehen. Es ist dann schwer, ihnen einen Einblick darein zu geben.

Eine Schreibblockade ist für mich zum Beispiel, wenn ich mit meinem Hund mitten im Wald stehe, kein Smartphone und nichts zu schreiben dabeihabe und mir der Anfang für DEN ROMAN einfällt. Auch wenn ich mich noch so sehr bemühe, mir diese ersten so tollen Sätze zu merken – ich schweife schnell ab, sehe einen Vogel, eine merkwürdige Gestalt, eine lustige Wolke, und schon ist der Anfang weg. Vielleicht fällt mir zu Hause noch einmal ein, dass da eine Idee war, aber häufig ist sie verloren oder die Erinnerung so fade, obwohl ich weiß, dass es eine WIRKLICH GUTE IDEEE war.

Eine Schreibblockade ist für mich auch, wenn ich eine Szene beschreiben möchte und mir einfach die Worte dafür fehlen. Manchmal bin ich dann aber so stur oder brauche diese Szene aus bestimmten Gründen unbedingt, bevor ich weiterschreibe, dass ich daran erst einmal hängenbleibe. Ab und an kann ich mich mit mir selbst auf den Kompromiss einigen, dass ich die Szene so gut schreibe wie möglich und sie im Nachhinein um- oder komplett neu schreibe. Aber manches Mal höre ich an der Stelle auf und brauche eine Weile, um mich so für die Szene zu begeistern, dass ich sie geschrieben bekomme.

Und was ist mit den vielen Autoren, die so gerne ihren Roman schreiben möchten, aber über die ersten zehn Seiten nicht hinauskommen? Die sich einfach nicht hingesetzt bekommen, um endlich ihren Traum zu erfüllen? Ist das nicht auch eine Schreibblockade?

Wie kann man eine Schreibblockade überwinden?

Ich habe meiner Schreibblockade einen Namen und ein Äußeres gegeben. Sie heißt Hans, ist schwammig und Fliegen summen um ihren Kopf, und Hans sitzt in einer Ecke und beobachtet mich. Nervt er zu sehr, beschäftige ich mich so mit ihm, dass er einschläft und seine Blockieraufmerksamkeit von mir abgelenkt ist. Das erreiche ich, indem ich einfach irgendwas schreibe, ihn beschreibe, meinen Frust über das Nichtschreibenkönnen beschreibe. Das ist eine Erkenntnis aus dem automatischen Schreiben: Alles, was ich aufschreibe, habe ich nicht mehr im Kopf, es ist ja auf Papier und ich muss mich zunächst nicht mehr damit beschäftigen. Also kann meine Kreativität sozusagen wieder den Raum einnehmen, den „Hans Schreibblockade“ zuvor innehatte.

Manchmal hilft es auch, rauszugehen, mal etwas anderes zu sehen, sich zu bewegen, die Gedanken in Fluss zu bringen. Klaus N. Frick hat bei seinem Roman seine Schreibsitzungen immer erst beendet, wenn er die Szenen, die er am nächsten Tag schreiben wollte, kurz skizziert hatte. So wusste er, wenn er sich wieder an diese Arbeit setzte, direkt, wo er stand und wie es weiterging. Er war direkt wieder im Schreibprozess.

Andere vorplanende Autoren schreiben ein Konzept und füllen das immer mehr, sodass am Ende „nur noch“ die einzelnen Szenen verbunden werden müssen.

Findet man nicht die Zeit zu schreiben, sollte man sich einmal darüber klar werden, ob man wirklich schreiben möchte oder es einfach ein Traum ist, den man weiterträumen möchte. Will man tatsächlich und unbedingt schreiben, heißt es, den inneren Schweinehund zu besiegen, in den sauren Apfel zu beißen, jeden Tag eine halbe Stunde früher aufzustehen und diese Zeit zum Schreiben zu nutzen. Da muss man dann durch, und wenn man sieht, was man in dieser Zeit schafft, wird das für die dreißig Minuten weniger Schlaf sehr entschädigen.

Weiß man gar nicht, was man schreiben möchte, und sitzt mit leerem Kopf vor dem leeren Blatt oder Bildschirm, kann man sich eine Überschrift aus der Zeitung nehmen und unter der Überschrift eine andere Geschichte schreiben als real darunter steht. Oder eine Postkarte nehmen, zum Beispiel mit einem Haus oder ein Tür, und überlegen, was die Menschen in dem Haus oder hinter der Tür machen, wer als nächstes aus dem Haus herauskommt oder wer durch die Tür hineingehen wird. Eine andere Möglichkeit ist, einfach irgendeinen Satz aus irgendeinem Buch zu nehmen und diesen Satz als Endsatz für einen Text anzusehen. Das hilft, wenn man nie weiß, wie eine Geschichte enden soll. Denn so hat man schon das Ende und schreibt darauf zu. (Wenn man dann letztlich ein anderes Ende findet, so ist das genauso gut, denn der Satz war ein Hilfsmittel. Andererseits sollte man eine solche Übung sportlich sehen und sie genauso erfüllen, wie man sie sich zu Beginn gestellt hat.)

Was sind Ihre Erfahrungen mit Schreibblockaden? Kennen Sie das, dass Sie nicht schreiben können, obwohl Sie es unbedingt wollen? Wie haben Sie die Schreibblockade bewältigt? Meine Leser und ich freuen uns sehr, wenn Sie uns Ihre Erfahrungen mitteilen!

Photo by DaVinciS from FreeImages

Veröffentlicht von Anne Haase

Dozentin in der Erwachsenenbildung, breit gefächert mit Schreibwerkstätten, Kursen zu Akkordgitarre für den Hausgebrauch, Begleiterin von lernenden Analphabeten. Ich mache noch mehr, aber das würde hier den Rahmen sprengen und ist für mein Bloggen nicht von Bedeutung.

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1 Kommentar

  1. Also wenn ich mit einer Geschichte nicht weiter komme, gehe ich spazieren ( mit Notizbuch) , meist hilft das, den Kopf frei zu bekommen. Oder ich nehme mir eine andere unfertige Geschichte aus meinem Fundus vor, dann schreibe ich an der weiter.

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