In meine Schreibwerkstätten kommen immer wieder Teilnehmer, die gerne ein Buch schreiben möchten. Teilweise haben sie vorher außerhalb der Schule noch nie einen längeren kreativen Text geschrieben, manchmal noch Tagebuch oder nette Briefe. Manche haben schon viele Jahre Geschichten geschrieben. Interessanterweise macht es in einer Schreibwerkstatt zunächst kaum einen Unterschied: Die kurzen Texte, die innerhalb von zwanzig Minuten geschrieben werden, sind nicht überarbeitet, an allen muss in jedem Fall noch gefeilt werden, bevor man über eine Veröffentlichung nachdenken kann. Viele gehen aus einer solchen Schreibwerkstatt nach Hause in dem festen Glauben, dass sie schreiben können und sie in einem halben Jahr auf der einen oder anderen Buchmesse ihr Erstlingswerk präsentieren.

Von vielen höre ich nie wieder. Und veröffentlicht haben die wenigsten.

Woran liegt das?

Eigentlich ist es das Phänomen, das andere einen halbfertig gestrickten Schal im Schrank im Schrank aufbewahren lässt, drei Bücher im Regal stehen lässt, die unbedingt noch gelesen werden müssen, den besten Freund oder die beste Freundin seit zwei Jahren auf ein Lebenszeichen warten lassen: Der innere Schweinehund blockiert die Tür, die wir wegen ihm ja einfach nicht durchschreiten können. Mal fehlt die Lust, mal die Gelegenheit, die Zeit, das Papier, der Stift, dann vergisst man sein Vorhaben mal wieder für drei Monate und setzt sich dann wieder voller Elan dran – nur um zu merken, dass man vor einiger Zeit schon mal ein wenig über Punkt Null war, so in Richtung eins, aber nun mindestens drei Punkte zurückgefallen ist. Und sich aus dem Minusbereich zu erheben, dazu fehlt den meisten die Kraft, die Lust, die Zeit, die Gelegenheit …

Und wie kann man das fürs Schreiben ändern?

Zunächst muss man sich wirklich darüber im Klaren sein, was man möchte.
Geht es darum, ein Buch mit dem eigenen Namen auf dem Buchrücken im Regal zu haben? In Gesprächen nebenher einfließen zu lassen, dass man ja auch schon ein Buch geschrieben hat?
Dann sollte man sich ernsthaft fragen, was der Grund für diesen Wunsch ist. Und ob es nicht auch den Wunsch gibt, ein Modelabel zu entwickeln, eine neue Geschirr- oder Schmuckserie auf den Markt zu bringen oder neben Moritz Bleibtreu in einem Krimi mitzuspielen. Das alles sind Wünsche und Tagträume, die jeder hat, die auch völlig richtig und legitim sind, die man aber nicht unbedingt und auf Biegen und Brechen erfüllen muss.
Will man seine eigene Geschichte oder die den Kindern erzählten Geschichten für seine Familie erhalten, kann man diese aufschreiben und bei Books on Demand oder anderen Dienstleistern in einer geringen Stückzahl für nicht zu viel Geld drucken lassen.
Geht es darum, mit einem Buch, einer Geschichte, etwas Geschriebenem berühmt zu werden?
Dann sollte man sich einmal fragen, was denn „berühmt werden“ bedeutet. Nicht jeder kennt jeden Autoren und nicht jeder Autor bringt Bestseller heraus. Meist wissen die nächsten Nachbarn nicht, dass eine Berühmtheit neben ihnen wohnt, oder es interessiert sie mal am Stammtisch oder beim Grillen, um dem Gesprächspartner damit zu imponieren, wen man kennt. Ehrlich: Was hat man davon, ein Buch zu schreiben, um damit berühmt zu werden?
Geht es darum, die Geschichten, die in einem blubbern, die Personen, die einem in den eigenen Geschichten begegnen, in die Welt zu lassen, geht es darum, endlich mal das mit der Perspektive richtig hinzubekommen oder einen Dialog so zu schreiben, dass er die Story um Potenzen weiterbringt? Will man seinen Ideen und Plots Raum geben und sie auch zu anderen reden lassen?
Dann sollte man sehen, dass man das tut. Und sein Leben mehr darauf ausrichten, dass man am Ball bleibt. Schließlich hat man einiges zu tun, um so gut zu werden, dass der Leser und die Leserin gespannt die Seiten MEINES Buches umblättert, um schnell zu wissen, wie es weitergeht. Schreibt man einen längeren Text, der sich nicht innerhalb eines Tages fertigstellen lässt, sollte man spätestens nach zwei Tagen weiterschreiben. Sonst hat man den Faden so sehr verloren, dass man erst einmal das aufmerksam lesen muss, was man bisher geschrieben hat, um nahtlos daran anknüpfen zu können. Das kostet Zeit, die man eigentlich zum Schreiben aufwenden sollte.
Stellt man nun fest, dass man das nicht hinbekommt, und auch nicht hinbekommen will, sich so oft und auch lange an sein Projekt zu setzen, sollte man sich damit begnügen, es Hobby sein zu lassen und sich keinen Druck zu machen: Schreiben ist Handwerk, und Handwerk lernt man nur durch das Selbermachen. Man wird mit seinen Schreibprojekten weiterkommen, wenn man sich nur ab und zu daransetzt, aber es wird seine Zeit dauern.
Wer aber merkt, dass es das ist, was Freude macht, dass man selber neugierig ist, wie es weitergeht, dass es erfüllend sein kann, den Plot weiter auszuarbeiten, dass man auch mal an dem richtigen Begriff knobeln kann, dass die Geschichte immer mehr Hand und Fuß durch das Schreiben bekommt – der ist auf dem richtigen Weg und muss nun die Disziplin aufbringen, dabei zu bleiben. Schließlich muss man das im Berufsleben auch.

Zu Beginn dieses Textes habe ich geschrieben: „Die kurzen Texte, die innerhalb von zwanzig Minuten geschrieben werden, sind nicht überarbeitet, an allen muss in jedem Fall noch gefeilt werden, bevor man über eine Veröffentlichung nachdenken kann.“ Und das ist nun die große Krux, an der viele, die
– jeden Tag schreiben
– viel schreiben
– mit dem Schreiben schon weit gekommen sind
– auf jeden Fall an einer Veröffentlichung arbeiten wollen
dann noch scheitern: das Überarbeiten. Und das ist wirklich ein Punkt, der zum Bücherveröffentlichen gehört wie das Schreiben. Kein Autor ist so gut, dass er seinen ersten Entwurf unbesehen veröffentlichen kann. Viele, die schreiben, sind aber bei Weitem nicht in der Lage, das Geschriebene wirklich kritisch und umfassend zu überarbeiten, ja vielleicht sogar das Geschriebene zu verwerfen und es komplett neu zu schreiben. Der eine oder die andere wird vielleicht bei dem Hinweis auf das Buch die Augen verdrehen, aber es erzählt sehr gut die Geschichte, wie es einer Autorin geht, wenn sie ein Buch schreibt. Monika Maron: Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche.

Häufig erlebe ich es in Schreibwerkstätten – in denen, die ich selber leite und auch in denen, die ich als Teilnehmerin besuche – dass eine Anmerkung zum Text mit einem Vorschlag, wie diese Stelle geändert werden kann (oder auch schon mal die Frage, ob das nicht besser komplett gelöscht wird), von der Urheberin oder dem Urheber abgelehnt wird mit der Antwort „Das soll so sein.“
Er oder sie denkt also gar nicht darüber nach, ob es vielleicht dem Text gut tun würde, ihn an der Stelle zu ändern, sondern es zählt nur das eigene Empfinden, dass man den Text geschrieben hat und ihn so stehen lässt. In einem anderen Blogbeitrag habe ich über Kritikfähigkeit von Autoren geschrieben.
Ist man also dazu bereit, seinen Text in die Tonne zu kippen, wenn es nötig ist, und ihn akribisch neu zu schreiben, ist man in der Welt des Schreibens richtig angekommen, weiß, weshalb man es tut und der Schweinehund hat sich in Luft aufgelöst.

Das heißt noch lange nicht, dass man das Autorendasein zu seinem neuen Beruf auserwählen muss. Denn das wirkliche Geldverdienen mit dem Bücherschreiben kann lange auf sich warten lassen.

Photo by Krzysztof (Kriss) Szkurlatowski from FreeImages

Veröffentlicht von Anne Haase

Dozentin in der Erwachsenenbildung, breit gefächert mit Schreibwerkstätten, Kursen zu Akkordgitarre für den Hausgebrauch, Begleiterin von lernenden Analphabeten. Ich mache noch mehr, aber das würde hier den Rahmen sprengen und ist für mein Bloggen nicht von Bedeutung.

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