Oft höre ich in meinen Schreibwerkstätten „Ich möchte gerne einen Roman schreiben, ich habe schon alle Figuren und Abläufe im Kopf, aber ich habe nicht die Zeit zu schreiben.“
Viele meiner Leser werden hier schon zustimmen. Ja, die Ideen sind da, indes die Zeit nicht.

Und das ist eben ein großer Trugschluss. Nicht, dass die Zeit nicht da ist, sondern dass man Zeit haben muss zum Schreiben. Hier greift nämlich das Sprichwort: „Zeit hat man nicht, Zeit muss man sich nehmen.“

Wie oft kommt es in unserem stressigen Alltag vor, dass wir Termine absagen? Einfach, weil zu dem Kaffeeplauschtermin oder dem Bierchen am Abend ein anscheinend wichtigerer Termin dazukommt, der es zeitlich unmöglich macht, den „unwichtigeren“ Termin auch noch wahrzunehmen. Sei es, dass eine Versicherung abläuft und man einen Termin mit einem Versicherungsvertreter machen musste, sei es, dass das Kaffeetrinken mit einer Bekannten anstand, aber die bester Freundin sich von ihrem Mann vernachlässigt fühlt – es passiert immer mal etwas in unserem Leben, das uns veranlasst, anderes einfach über den Haufen zu werfen.

Beim „Vorhaben Schreiben“ ist es eher so, dass wir uns so ganz unverbindlich mal überlegt haben, irgendwann mal einen Stift oder die Tastatur zu nehmen und dann mal mit dem Schreiben anzufangen. (Die drei „mal“ sind hier mit Absicht eingebaut und sie sollten etwas langgezogen ausgesprochen werden.) Aber natürlich ist alles andere wichtiger. Denn die Geschichte ist ja im Kopf, sie braucht ja „nur“ noch aufgeschrieben zu werden.

Haha. Wer sich mit dem Schreiben ernsthaft beschäftigt, weiß, dass das erste Aufschreiben der Anfang eines langen Prozesses ist, der sich über eine größere Zeitspanne hinzieht, in dem man an sich selbst zweifelt, alles, was man erschaffen hat, vielleicht komplett zerstört und neu aufbaut, es ändert, daran feilt, umbaut, mit sich selbst und anderen diskutiert, um am Ende ein Produkt in Händen zu haben, das viel arbeitsintensiver war als man sich das jemals vorstellen konnte.

Wer jetzt behauptet, er oder sie habe seinen oder ihren Roman an vier Tagen in einem Rutsch runtergeschrieben, er sei direkt von einem Verlag angenommen und nach drei Monaten sei man zum Literaturnobelpreis vorgeschlagen worden, lügt. So funktioniert Schreiben einfach nicht.

Am Anfang steht die Idee. Ähnlich wie ein Architekt oder Schreiner kommt dann der Plan. Das kann ein Konzept sein oder ein erster Umriss der Geschichte. Diesen schreibt man zunächst auf. Mit allen Figuren, Orten und Geschehnissen. Dann kommt eventuell Recherche dazu. Erst, wenn man dies alles geschafft hat, beginnt das eigentliche Schreiben. Und das muss man regelmäßig machen, um nicht immer wieder in der eigenen Geschichte den Faden zu verlieren oder festzustellen, dass der eigene Schreibstil sich in dem Jahr, die der halbe Roman unbearbeitet herumgelegen hat, sich doch dramatisch verändert hat. Dann kann man nämlich wieder von Neuem anfangen.

Diese 101 Wörter des vorigen Abschnitts zeigen, wie viel Zeit man braucht, um ernsthaft einen längeren Text zu schreiben, der dann auch so gut ist, dass es sich für andere lohnt ihn zu lesen. Und hier komme ich wieder auf das Sprichwort: Das alles braucht Zeit, die man angeblich nicht hat. Aber wenn es einem wichtig ist, nimmt man sich die Zeit.

Ich habe selbst vor einigen Jahren gemerkt, dass ich mit meinem Roman – Kinderfantasy in einer von mir erschaffenen Welt – einfach nicht weiterkam. Meine Kinder waren da um die zehn Jahre alt. Also in einem Alter, in dem sie nicht die ganze Zeit betüddelt werden mussten. Ich habe mehrere Gespräche mit ihnen und meinem Mann geführt, um zu erklären, was ich vorhabe und weshalb es mir wichtig ist. Sie haben meinen Plänen zugestimmt. Ab da war ich nachmittags für drei Stunden ein Drache, der jeden sofort mit Feuer bespuckte, wenn er angesprochen wurde. Nach einer Woche hatten sie es verstanden, dass Mama und Ehefrau, wenn sie am Computer saß, absolut nicht gestört werden durfte. Nach einem Monat hatte ich die Rohfassung mit 200 Seiten fertig. Und noch ein längere Geschichte von achtzig Seiten, die in der heutigen Zeit angesiedelt ist, geschrieben. Sie floss dann einfach hinterher. Ich war eben im Flow.

Natürlich ist es Kampf, sich die Zeit freizuschaufeln und sie auch zu verteidigen. Aber am Ende hat man etwas geschafft, statt nur darüber geredet zu haben. Andere stehen jeden Morgen eine halbe Stunde früher als sonst auf und nutzen diese halbe Stunde zum Schreiben. Man kann sich auch mit sich selbst verabreden und die Schreibzeit als wichtigen und festen Termin in den Kalender schreiben. Dazu muss man sich aber auch selbst ernst genug nehmen und diesen Termin unbedingt einhalten. Wer sich in das regelmäßige Schreiben einschleichen will, kann auch damit anfangen, sonntags keinen Krimi mehr zu gucken, sondern in den anderthalb Stunden selbst seinen Krimi zu erschaffen. Vielleicht ist man dann in der nächsten Zeit weniger über die aktuellen Filme informiert. Aber dafür auf dem Weg, seine Träume zu verwirklichen.

Deshalb, wenn du schreiben willst: Nimm dir die Zeit, sonst hast du sie nicht!

Photo by Renxx Gmdr from FreeImages

Veröffentlicht von Anne Haase

Dozentin in der Erwachsenenbildung, breit gefächert mit Schreibwerkstätten, Kursen zu Akkordgitarre für den Hausgebrauch, Begleiterin von lernenden Analphabeten. Ich mache noch mehr, aber das würde hier den Rahmen sprengen und ist für mein Bloggen nicht von Bedeutung.

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