Eine Freundin kam zu mir, um sich Trost zu holen. Der wurde ihr aber anders zuteil als erwartet. Sie wollte sich über ihren Freund beschweren, wie schlecht er sie behandelt hatte, und erhoffte sich Zustimmung von mir. Natürlich war ich ihrer Meinung und habe sie getröstet und mit ihr über diesen Mistkerl geschimpft. Dann habe ich angefangen, mir vorzustellen, was er sich wohl dabei gedacht haben könnte, als er sie so behandelt hat, wie sie es beklagte. Meine Freundin reagiert zunächst ärgerlich, dann erstaunt, schließlich nachdenklich. Unser Gespräch setzte sie so um, dass sie mit ihrem Freund ihre Partnerprobleme besprach und sie sich einigen konnten. Danach fragte sie mich, weshalb ich so genau wusste, was in ihm vorgegangen war?

Ich hatte es nicht gewusst. Sondern mir die ganze Situation als Geschichte vorgestellt.

In meinen Schreibwerkstätten male ich spätestens am dritten Abend (oder bei einer Wochenend-Schreibwerkstatt am Sonntagmorgen) den Eisberg auf und erkläre anhand dieses Bildes, was man von seinen Protagonisten wissen sollte und was man davon dem Leser mitteilt. Der komplette Eisberg ist das, was der Autor über seine Geschichte und die Protagonisten weiß. Etwa zwanzig Prozent davon, also das, was aus dem Wasser ragt, teilt der Autor dem Leser in seinem Text mit. Die restlichen achtzig Prozent erfährt der Leser nicht vom Autor. Sie stehen teilweise zwischen den Zeilen oder sind für die eigentliche Geschichte oder die Charakterisierung des Protagonisten nicht so wichtig, dass der Leser sie wissen muss. Schließlich wissen wir auch über andere Menschen nicht alles – letztlich noch nicht einmal über uns selber, denn vieles von dem, was wir erlebt haben, verschwindet in den Nebeln des Vergessens. Manch einer ist auch einfach zu jung gewesen, als ein Ereignis ihn stark traumatisierte, sodass dieses Ereignis zwar nachwirkt und ihn noch heute beeinflusst, er kann sich aber nicht daran erinnern.

Weiß der Autor aber solche Geschehnisse nicht von seinem Protagonisten, kann er ihn nicht logisch darstellen. Es fehlen Details, die die Figur zusammenhalten und ihren Charakter ausmachen und ihr Handeln begründen. Handelt jemand, ohne dass man im mindestens begreift, weshalb er das nun so macht, wird die Person unglaubwürdig und wir nehmen sie nicht „für voll“.

Ebenso ist es bei einem Antagonisten, also der Person, die dem Helden oder der Heldin der Geschichte entgegentritt. Sie muss in ihrer Art, egal wie gemein oder hinterhältig sie auch scheint, und in ihrem Handeln, so zerstörerisch es auch sein mag und so wenig es dem Leser auch gefallen mag, authentisch sein. Und das ist sie nur, wenn es einen Grund für ihr Handeln gibt.

Alle diese Überlegungen und das Wissen um die Charaktere und Persönlichkeiten und Abgründe der handelnden Figuren muss der Autor anstellen, um seine Personen so agieren lassen zu können, dass es nachvollziehbar ist. Der Autor muss sich in jede einzelne seiner Figuren hineinversetzen können, ähnlich wie ein Schauspieler und ein Regisseur.

Häufig helfen Steckbriefe, die man mit Informationen zu den Protagonisten füllt. Solche Steckbriefe in verschieden tiefgehender Ausführung findet man leicht im Internet. Eine andere Möglichkeit ist, ein Skizzenbuch anzulegen, in dem man kleine Episoden über die Figuren notiert, über ihre Kindheit, über ihre Umfeld, wo sie gewohnt haben, wie sie Freunde gefunden haben und andere Erlebnisse, die zwar keinen Eingang in die eigentliche Geschichte finden, aber dem Autor einen tieferen Einblick in die Persönlichkeit der Figur gibt.

Photo by Joanna Atkinson from FreeImages

Veröffentlicht von Anne Haase

Dozentin in der Erwachsenenbildung, breit gefächert mit Schreibwerkstätten, Kursen zu Akkordgitarre für den Hausgebrauch, Begleiterin von lernenden Analphabeten. Ich mache noch mehr, aber das würde hier den Rahmen sprengen und ist für mein Bloggen nicht von Bedeutung.

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