Kursteilnehmer sind sehr spezielle Wesen. Ich war früher selbst nur Kursteilnehmerin, bei der VHS habe ich damit mit 15 Jahren angefangen, als man erst mit 16 die VHS betreten „durfte“. Meine Mutter hatte ein gutes Wort für mich eingelegt. Auch heute noch bin ich Kursteilnehmerin, Seminarbesucherin, Konferenz- oder Workshopteilnehmerin. Was mir bis heute wichtig ist:

  • Ich weiß möglichst schnell, ob ich teilnehme oder nicht – also meist spätestens eine Woche nachdem ich den Termin kenne
  • Ich frage vorher ab, ob es in Ordnung ist, wenn ich erst später kommen kann oder früher gehen muss
  • Ich sage sofort ab, wenn mir etwas anders dazwischenkommt, das eine höhere Wichtigkeit hat
  • Bin ich am Veranstaltungstag erkrankt, gebe ich Bescheid, dass ich nicht mehr komme
  • Nehme ich an einem längerdauernden Kurs an einem oder mehreren Terminen nicht teil, sage ich der Kursleitung, dass ich nicht komme und wenn ich gar nicht mehr komme, woran das liegt

Ich finde diese Punkte essenziell.

Da ich auch die andere Seite als Kursleiterin kenne, führe ich hier auf, wie es aus dieser Sicht aussieht:

Bei den meisten Bildungseinrichtungen muss man mittlerweile mindestens ein Dreivierteljahr vorher planen, wann man welchen Kurs macht. Ich wusste sogar schon im Oktober 2019, was ich an manchen Dezembertagen 2020 mache. Zu diesem Zeitpunkt muss ich schon grob wissen, was in dem Kurs gemacht wird, damit die Ausschreibung daran angepasst wird.

Ich sortiere alle anderen Termine möglichst um diese Termine herum. Alle Einzeltermine sind bei mir fix, da wird nicht dran gerüttelt. Ich habe auch schon heiser, fast ohne Stimme, einen Gitarrentermin durchgezogen und die Lieder, die ich vorgestellt habe, von der CD laufen lassen. Denn hätte ich diesen Termin ausfallen lassen, hätten vier weitere darauf aufbauende Termine nicht stattfinden können. Das wäre für die Teilnehmer sehr ärgerlich gewesen. Ist es ein fortlaufender Kurs, der nach vorn oder hinten Puffer bietet, verschiebe ich auch schon mal nach Absprache mit meinen Teilnehmenden einen Termin.

Nun naht der Tag des Kurses. Bei den Bildungseinrichtungen steht und fällt der Kurs mit der Zahl der Anmeldungen. Je nach Kurs sollte auch eine bestimmte Anzahl an Menschen da sein. Zum Beispiel kann ich ganz gut in den Lese- und Schreibkursen oder beim Gitarrespielen Einzelunterricht erteilen. Ist dann auch mal ganz nett, wenn es auch für den jeweiligen Teilnehmer sehr anstrengend ist: Er steht während der kompletten Kurszeit allein im Fokus der Dozentin. Da kann man sich nicht mal zwischendurch wegträumen oder aussetzen. Meist kürze ich die Zeit dann auch ab oder mache längere Unterhaltungspausen dazwischen. Bei Schreibwerkstätten braucht man eine gewisse Dynamik, denn die Teilnehmer bekommen Ideen durch die Texte der anderen, sie erhalten Feedback, steigen selbst in Diskussionen um andere Texte ein. Schreibwerkstätten sind Gruppenevents, und eine Mindestteilnehmerzahl von mindestens sechs (anwesenden!) Teilnehmern ist unabdingbar.

Nichtsdestotrotz muss eine bestimmte Teilnehmerzahl erreicht sein, damit der Kurs laufen kann, schließlich werden Teilnehmerbeiträge eingezogen und diese werden (unter anderem) dafür verwendet, die Dozentin zu bezahlen. Manchmal ist die Teilnehmerzahl auf der Kippe, dann muss ich eine Stunden- und entsprechend Honorarkürzung akzeptieren – oder den Kurs ganz absagen.

In den meisten Bildungseinrichtungen wartet man mittlerweile bis zu einem Tag vor Kurstermin, bevor ein Kurs mangels Teilnehmerzahl abgesagt wird. Denn häufig ist es so, dass ein Kurs, der eine Woche vorher nur eine Anmeldung vorwies, einen Tag vor dem Termin dann doch ausgebucht ist. Ist das aber nicht der Fall, wird abgesagt und die nun ausgeladenen Teilnehmer sind entsprechend enttäuscht, denn sie hatten sich ja auf den Termin eingestellt.

Und dann kommt etwas, über das ich mich schon ärgere: Am Kurstag, den ich dann natürlich mit teurer Freizeit, da ich einen Verdienstausfall habe, verbringe, ruft mich meistens irgendwer an und ist ganz erstaunt, dass der Kurs ausfällt. Auf die Frage, ob er nicht angerufen und ihm abgesagt wurde, kommt dann meist, dass er oder sie noch gar nicht angemeldet war, weil der Kursbesuch ein spontaner Einfall war. Meist liegt es an dieser einen spontanen Nicht-Anmeldung, dass der Kurs nicht zustande gekommen ist.

Die Tendenz ist da: Immer mehr Menschen melden sich nicht an, sondern warten lieber ab. Ist der Kurs dann irgendwann belegt, lässt man sich dann doch noch auf die Warteliste setzen, die ist ja unverbindlich. Für den Veranstalter und mich ärgerlich, wenn vier Leute auf der Warteliste stehen, vier angemeldete Teilnehmer abspringen und die Nachrücker dann doch alle nicht können.

Man sieht, dass dieses System irgendwie nicht mehr funktioniert. Natürlich liegt es zum einen daran, dass man in der heutigen Zeit nicht weiß, was dem Chef in der nächsten Woche einfällt und man daher seine Freizeit nicht wirklich planen kann. Andererseits hängt an einem Kurs in einer Bildungseinrichtung ein riesigen Apparat: Es müssen Räume zu dem Termin zur Verfügung gestellt werden mit entsprechender Ausstattung. Der Kursleiter muss eventuell ein ganzes Wochenende mit allen Zeitschienen, Kopien und Medien vorbereiten. Das kann man nicht alles so eben mal eine Woche vorher arrangieren. Dafür braucht es Vorlauf – wenn ich auch diese neun Monate übertrieben und teilweise unrealistisch finde.

Wer sich bis jetzt durch den Text gelesen hat, wird jetzt vielleicht etwas besser verstehen, weshalb ich als Kursteilnehmerin so korrekt wie möglich bin. Denn ohne das laufen die Kurse nicht, haben die Bildungseinrichtungen und die Lehrenden keine Einnahmen und müssen die Kurse absagen und irgendwann wird auch das Angebot entsprechend geringer und weniger vielfältig. Und das wollen doch alle nicht, oder?

Photo by Milen Yakimov from FreeImages

Veröffentlicht von Anne Haase

Dozentin in der Erwachsenenbildung, breit gefächert mit Schreibwerkstätten, Kursen zu Akkordgitarre für den Hausgebrauch, Begleiterin von lernenden Analphabeten. Ich mache noch mehr, aber das würde hier den Rahmen sprengen und ist für mein Bloggen nicht von Bedeutung.

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