(Dies ist meine diesjährige Ostergeschichte. In ihr werden andere Charaktere aus meinem Osterhasenuniversum erwähnt. Ich schreibe jedes Jahr eine Oster- und eine Weihnachtsgeschichte und verschicke sie statt Karten. Wenn Sie auch in den Genuss dieser Geschichten kommen möchten, schreiben Sie mir eine Mail an anne@haasefuchs.de oder melden Sie sich über haasefuchs.de zu meinem Newsletter, Stichwort „Geschichten“, an. Über die Seite erfahren Sie auch mehr zu meinen bisher in der Reihe „Was der Fuchs erzählt“ erschienenen Geschichten.)

Vorsichtig schob Jonas, der Osterhase, die Blätter eines Busches zur Seite und lugte in den dahinterliegenden Garten. Es war noch dunkel, niemand war zu sehen, alle Tiere, die tagsüber hier unterwegs waren, schliefen noch. Zu allem Überfluss hatte ein leichter Nieselregen eingesetzt. Es war ein Regen von der Sorte, die man kaum spürte, die aber die Ohren schwer machte und sie irgendwann schwer, nass und kalt auf den Rück hängen ließ. Jonas schüttelte es. Er wollte nicht darüber nachdenken. Eher sollte er endlich mit seiner Osterhasenarbeit fertigwerden, damit er wieder nach Hause kam. Er seufzte, kramte die Liste heraus, sah nach, was er hier an Nestern und Eiern zu verstecken hatte, holte alles aus der Kiepe, setzte ein Nest unter einen Baum, ein anderes neben einen kleinen Gartenteich, machte einen Haken in die Liste und sich auf zum nächsten Garten.

So still wie heute war es noch nie gewesen in der Osternacht. Auch nicht, als er noch mit seinem Vater gemeinsam unterwegs gewesen war. Das waren noch Zeiten gewesen! So im Nachdenken erschien ihm das alles rosig, mit stetigem Sonnenschein, heiteren Menschen und Osterhasen … Und jetzt? Mit Nieselregen? Gerade in diesem Jahr 2020? In dieser so schnelllebigen Zeit? Seit sein Vater sich mit Computern ein wenig mehr auskannte – Frau Lampe hatte ihm alles geduldig erklärt – hatte er Accounts bei WhatsApp, Facebook, Instagram, Twitter und Tinder. In WhatsApp schickte er seinen eigenen Kindern ständig Bilder von Tieren. Bei Facebook, Instagram und Twitter versuchte er, seinen Followern Einblicke in das Leben eines Osterhasen zu geben. Aber sie schienen ihm nicht so ganz zu glauben, dass er es wirklich war. Und Tinder – nun, das war nicht beabsichtigt gewesen und Frau Lampe wachte eifrig darüber, dass er sich dort nicht einloggte.

In den letzten Wochen waren aber die Bilder weniger geworden und alle Osterhasenkinder waren mit Ermahnungen überhäuft worden, wie sie sich nun im Angesicht des Virus zu verhalten hatten: „Bleibt von den Supermärkten fern! Legt Vorräte an, trocknet Pilze und Beeren! Haltet Abstand von anderen! Packt nicht ständig an eure Ohren!“ Andererseits musste Jonas, wenn er sie besuchte, seine Eltern davon abhalten, ihn zu umarmen, ihm Plätzchen oder anderes in den Mund zu stecken oder sich direkt neben ihn zu setzen.

Es waren schwierige Zeiten. Auch die Menschen hatten sich zurückgezogen, hatten sich zwar – mehr oder weniger automatisch – auf Ostern vorbereitet, aber das war nicht wirklich mit Freude geschehen. Hoffentlich konnten sie sich an den Osternestern freuen. Wer weiß, vielleicht waren es die letzten, die je ein Osterhase austeilen würde? Schließlich war Jonas der einzige in der Familie, der den Beruf noch ergriffen hatte, seine Geschwister waren in vielen anderen Branchen tätig, aber Osterhase? Einmal im Jahr nachts aufstehen und die Arbeit von zwölf Monaten verrichten? Von der Hingabe für diesen Beruf, diese Berufung hatte der Vater nur Jonas überzeugen können. Und Jonas‘ Kinder ihrerseits hatten bisher auch kein Interesse dafür gezeigt. Wer weiß, wie lange er noch weitermachen konnte. Oder würde. Oder wollte. Vor allem bei solch einem durchdringenden und aufdringlichen Niesel.

Jonas bemerkte, dass er schon eine ganze Zeit vor dem nächsten Grundstück stand. Ganz in Gedanken versunken hatte er zwar die Liste herausgenommen und sie sich vor die Augen gehalten, aber sein Gehirn hatte nichts registriert. Wieder seufzte er. Er blickte kurz in den grauen Himmel, ließ sich das Gesicht von den staubfeinen Wassertröpfchen benetzen, dann sah er auf seine Liste. Ach ja. Der Garten von Herrn Meyer. Sein Vater hatte noch immer die Brille von Herrn Meyer. Die hatte mal die ganze Osternesterverteilung einer Saison gerettet. Jonas war damals noch sehr klein gewesen, aber die Brille hatte einen Ehrenplatz im Hause Lampe und die Geschichte wurde jedem erzählt, der erklärte, dass er sie noch nie gehört hätte. Aber nun musste Schluss sein mit dem Nachhängen an Vergangenem! Jonas schüttelte sich, holte alles, was die Liste bezeichnete, aus der Kiepe und verteilte die Nester in Herrn Meyers Garten. Als er gerade durch die Büsche wieder verschwinden wollte, begann ein Rotkehlchen zu singen. Die Sonne schickte eine rosa-orange Färbung des Himmels voraus. Bald würde ein feuriger Strich am Horizont erscheinen und langsam Wärme in diesen dunklen Morgen bringen. Jonas winkte dem Rotkehlchen zu, das mit einem besonderen Triller aus seiner orangefarbenen Kehle antwortete. Dann teilte er die Äste des Forsythienstrauchs und trat auf den Weg, der ihn zum nächsten Garten führen sollte. Wer stand denn noch auf der Liste? Oh, er war fast fertig: Es fehlte nur noch der Garten von Lena Weißenhaupt, der ältesten Kundin des Osterhasen.

Sie war es im Laufe der Jahre geworden. Weil beim ältesten Kunden der Lauf des Lebens ist, dass er immer älter wird und eines Tages nicht mehr auf der Liste steht. Weil er nicht mehr dort wohnt, wo der Osterhase ihm ein Nest mit einem Gruß im Garten, auf dem Balkon oder im Wohnzimmer verstecken kann. So änderte sich in der Zeit, in der Jonas mit seinem Vater und schließlich als eigenständiger Meister Lampe in der Osternacht Nester verteilte, immer wieder der Name und die Anschrift des ältesten Kunden oder der ältesten Kundin. Seit einigen Jahren war dies aber Lena Weißenhaupt. Jonas lächelte, während er nun munterer ausschritt und sich seinen feucht-nassen Pelz von der immer höher steigenden Sonne wärmen ließ. Der Nieselregen war in einen netten Bodennebel übergegangen, der um seine Füße waberte, aber zu leicht war, um sich auch noch in sein Fell zu setzen. Lena Weißenhaupt! Sie stellte immer ein kleines Fläschchen selbstgemachten Eierlikör auf den Gartentisch mit einem Zettel „Für Frau Lampe!“. Dieses Fläschchen hatte von Anfang an Jonas‘ Mutter bekommen, auch heute würde er es ihr auf den Frühstückstisch stellen und sie würde sich freuen. Jonas‘ Frau mochte keinen Eierlikör. Das sei, meinte sie, eher etwas für ältere Damen. Jonas‘ Mutter war das recht.

Wie immer stellte Jonas das Nest direkt an die Terrassentür. Frau Weißenhaupt war zu gebrechlich, um noch lange im Garten nach einem gut versteckten Nest zu suchen. Dann wandte er sich an den Gartentisch, um den Eierlikör mitzunehmen. Aber dort stand keine Flasche. Zögernd zuckte Jonas mit den Schultern. Schade, aber Frau Weißenhaupt war ja nicht verpflichtet, die Tradition aufrecht zu erhalten. Das musste nur der Osterhase. Und der Nikolaus und der Weihnachtsmann, vielleicht auch noch die Zahnfee. Alle anderen, vor allem die Menschen, konnten tun und lassen, was sie wollten. Dann würde seine Mutter vielleicht etwas enttäuscht sein, weil der Eierlikör immer sehr lecker gewesen war, aber …

… und wenn Frau Weißenhaupt so gebrechlich war, dass sie die Flasche nicht mehr auf den Tisch hatte stellen können? Vielleicht sollte er noch einmal nachsehen, vielleicht hatte sie sie ja in die Nähe der Terrassentür gestellt und Jonas hatte sie übersehen. Er ging zurück. Mittlerweile war es so hell, dass er die Terrasse und alles, was darauf war, gut sehen konnte. Keine Eierlikörflasche. Einen Versuch war es wert gewesen. Im Umdrehen, um nun endgültig nach Hause zu gehen, schweifte sein Blick durch das Fenster in das Wohnzimmer. In einem Sessel saß Frau Weißenhaupt. Still und stumm, mit einem flehenden Blick.

Es ging alles ganz schnell. Jonas wusste, wo Herr Meyer wohnte, Herr Meyer wusste, wer Jonas war und dass er nicht ohne Grund morgens um sechs Uhr bei ihm schellte. Der Krankenwagen kam trotz anderer Krise ohne Verzögerung und Frau Weißenhaupts Blick war dankbar, als Jonas, versteckt unter einem Trenchcoat mit Schlapphut hinter Herrn Meyer stehend, sie sehen konnte. Das war gerade noch einmal gut gegangen.

„Hier, Meister Lampe“, sagte Herr Meyer und reichte ihm eine kleine Flasche mit einem Zettel, „Lena hatte davon gesprochen, ich weiß, dass sie mich fragen wird, ob ich das weitergegeben habe.“

Dann gingen alle nach Hause, doch noch Ostern feiern, wenn auch nur ein wenig. Es würde weitergehen. Solange sich alle kümmerten, solange nach Niesel die Sonne wärmte.

©by Anne Haase, Köln, März 2020 – bitte beachten Sie das Urheberrecht

Foto von Mark Wagner von FreeImages

Veröffentlicht von Anne Haase

Dozentin in der Erwachsenenbildung, breit gefächert mit Schreibwerkstätten, Kursen zu Akkordgitarre für den Hausgebrauch, Begleiterin von lernenden Analphabeten. Ich mache noch mehr, aber das würde hier den Rahmen sprengen und ist für mein Bloggen nicht von Bedeutung.

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