Krise

(Dies ist meine diesjährige Ostergeschichte. In ihr werden andere Charaktere aus meinem Osterhasenuniversum erwähnt. Ich schreibe jedes Jahr eine Oster- und eine Weihnachtsgeschichte und verschicke sie statt Karten. Wenn Sie auch in den Genuss dieser Geschichten kommen möchten, schreiben Sie mir eine Mail an anne@haasefuchs.de oder melden Sie sich über haasefuchs.de zu meinem Newsletter, Stichwort „Geschichten“, an. Über die Seite erfahren Sie auch mehr zu meinen bisher in der Reihe „Was der Fuchs erzählt“ erschienenen Geschichten.)

Vorsichtig schob Jonas, der Osterhase, die Blätter eines Busches zur Seite und lugte in den dahinterliegenden Garten. Es war noch dunkel, niemand war zu sehen, alle Tiere, die tagsüber hier unterwegs waren, schliefen noch. Zu allem Überfluss hatte ein leichter Nieselregen eingesetzt. Es war ein Regen von der Sorte, die man kaum spürte, die aber die Ohren schwer machte und sie irgendwann schwer, nass und kalt auf den Rück hängen ließ. Jonas schüttelte es. Er wollte nicht darüber nachdenken. Eher sollte er endlich mit seiner Osterhasenarbeit fertigwerden, damit er wieder nach Hause kam. Er seufzte, kramte die Liste heraus, sah nach, was er hier an Nestern und Eiern zu verstecken hatte, holte alles aus der Kiepe, setzte ein Nest unter einen Baum, ein anderes neben einen kleinen Gartenteich, machte einen Haken in die Liste und sich auf zum nächsten Garten.

So still wie heute war es noch nie gewesen in der Osternacht. Auch nicht, als er noch mit seinem Vater gemeinsam unterwegs gewesen war. Das waren noch Zeiten gewesen! So im Nachdenken erschien ihm das alles rosig, mit stetigem Sonnenschein, heiteren Menschen und Osterhasen … Und jetzt? Mit Nieselregen? Gerade in diesem Jahr 2020? In dieser so schnelllebigen Zeit? Seit sein Vater sich mit Computern ein wenig mehr auskannte – Frau Lampe hatte ihm alles geduldig erklärt – hatte er Accounts bei WhatsApp, Facebook, Instagram, Twitter und Tinder. In WhatsApp schickte er seinen eigenen Kindern ständig Bilder von Tieren. Bei Facebook, Instagram und Twitter versuchte er, seinen Followern Einblicke in das Leben eines Osterhasen zu geben. Aber sie schienen ihm nicht so ganz zu glauben, dass er es wirklich war. Und Tinder – nun, das war nicht beabsichtigt gewesen und Frau Lampe wachte eifrig darüber, dass er sich dort nicht einloggte.

In den letzten Wochen waren aber die Bilder weniger geworden und alle Osterhasenkinder waren mit Ermahnungen überhäuft worden, wie sie sich nun im Angesicht des Virus zu verhalten hatten: „Bleibt von den Supermärkten fern! Legt Vorräte an, trocknet Pilze und Beeren! Haltet Abstand von anderen! Packt nicht ständig an eure Ohren!“ Andererseits musste Jonas, wenn er sie besuchte, seine Eltern davon abhalten, ihn zu umarmen, ihm Plätzchen oder anderes in den Mund zu stecken oder sich direkt neben ihn zu setzen.

Es waren schwierige Zeiten. Auch die Menschen hatten sich zurückgezogen, hatten sich zwar – mehr oder weniger automatisch – auf Ostern vorbereitet, aber das war nicht wirklich mit Freude geschehen. Hoffentlich konnten sie sich an den Osternestern freuen. Wer weiß, vielleicht waren es die letzten, die je ein Osterhase austeilen würde? Schließlich war Jonas der einzige in der Familie, der den Beruf noch ergriffen hatte, seine Geschwister waren in vielen anderen Branchen tätig, aber Osterhase? Einmal im Jahr nachts aufstehen und die Arbeit von zwölf Monaten verrichten? Von der Hingabe für diesen Beruf, diese Berufung hatte der Vater nur Jonas überzeugen können. Und Jonas‘ Kinder ihrerseits hatten bisher auch kein Interesse dafür gezeigt. Wer weiß, wie lange er noch weitermachen konnte. Oder würde. Oder wollte. Vor allem bei solch einem durchdringenden und aufdringlichen Niesel.

Jonas bemerkte, dass er schon eine ganze Zeit vor dem nächsten Grundstück stand. Ganz in Gedanken versunken hatte er zwar die Liste herausgenommen und sie sich vor die Augen gehalten, aber sein Gehirn hatte nichts registriert. Wieder seufzte er. Er blickte kurz in den grauen Himmel, ließ sich das Gesicht von den staubfeinen Wassertröpfchen benetzen, dann sah er auf seine Liste. Ach ja. Der Garten von Herrn Meyer. Sein Vater hatte noch immer die Brille von Herrn Meyer. Die hatte mal die ganze Osternesterverteilung einer Saison gerettet. Jonas war damals noch sehr klein gewesen, aber die Brille hatte einen Ehrenplatz im Hause Lampe und die Geschichte wurde jedem erzählt, der erklärte, dass er sie noch nie gehört hätte. Aber nun musste Schluss sein mit dem Nachhängen an Vergangenem! Jonas schüttelte sich, holte alles, was die Liste bezeichnete, aus der Kiepe und verteilte die Nester in Herrn Meyers Garten. Als er gerade durch die Büsche wieder verschwinden wollte, begann ein Rotkehlchen zu singen. Die Sonne schickte eine rosa-orange Färbung des Himmels voraus. Bald würde ein feuriger Strich am Horizont erscheinen und langsam Wärme in diesen dunklen Morgen bringen. Jonas winkte dem Rotkehlchen zu, das mit einem besonderen Triller aus seiner orangefarbenen Kehle antwortete. Dann teilte er die Äste des Forsythienstrauchs und trat auf den Weg, der ihn zum nächsten Garten führen sollte. Wer stand denn noch auf der Liste? Oh, er war fast fertig: Es fehlte nur noch der Garten von Lena Weißenhaupt, der ältesten Kundin des Osterhasen.

Sie war es im Laufe der Jahre geworden. Weil beim ältesten Kunden der Lauf des Lebens ist, dass er immer älter wird und eines Tages nicht mehr auf der Liste steht. Weil er nicht mehr dort wohnt, wo der Osterhase ihm ein Nest mit einem Gruß im Garten, auf dem Balkon oder im Wohnzimmer verstecken kann. So änderte sich in der Zeit, in der Jonas mit seinem Vater und schließlich als eigenständiger Meister Lampe in der Osternacht Nester verteilte, immer wieder der Name und die Anschrift des ältesten Kunden oder der ältesten Kundin. Seit einigen Jahren war dies aber Lena Weißenhaupt. Jonas lächelte, während er nun munterer ausschritt und sich seinen feucht-nassen Pelz von der immer höher steigenden Sonne wärmen ließ. Der Nieselregen war in einen netten Bodennebel übergegangen, der um seine Füße waberte, aber zu leicht war, um sich auch noch in sein Fell zu setzen. Lena Weißenhaupt! Sie stellte immer ein kleines Fläschchen selbstgemachten Eierlikör auf den Gartentisch mit einem Zettel „Für Frau Lampe!“. Dieses Fläschchen hatte von Anfang an Jonas‘ Mutter bekommen, auch heute würde er es ihr auf den Frühstückstisch stellen und sie würde sich freuen. Jonas‘ Frau mochte keinen Eierlikör. Das sei, meinte sie, eher etwas für ältere Damen. Jonas‘ Mutter war das recht.

Wie immer stellte Jonas das Nest direkt an die Terrassentür. Frau Weißenhaupt war zu gebrechlich, um noch lange im Garten nach einem gut versteckten Nest zu suchen. Dann wandte er sich an den Gartentisch, um den Eierlikör mitzunehmen. Aber dort stand keine Flasche. Zögernd zuckte Jonas mit den Schultern. Schade, aber Frau Weißenhaupt war ja nicht verpflichtet, die Tradition aufrecht zu erhalten. Das musste nur der Osterhase. Und der Nikolaus und der Weihnachtsmann, vielleicht auch noch die Zahnfee. Alle anderen, vor allem die Menschen, konnten tun und lassen, was sie wollten. Dann würde seine Mutter vielleicht etwas enttäuscht sein, weil der Eierlikör immer sehr lecker gewesen war, aber …

… und wenn Frau Weißenhaupt so gebrechlich war, dass sie die Flasche nicht mehr auf den Tisch hatte stellen können? Vielleicht sollte er noch einmal nachsehen, vielleicht hatte sie sie ja in die Nähe der Terrassentür gestellt und Jonas hatte sie übersehen. Er ging zurück. Mittlerweile war es so hell, dass er die Terrasse und alles, was darauf war, gut sehen konnte. Keine Eierlikörflasche. Einen Versuch war es wert gewesen. Im Umdrehen, um nun endgültig nach Hause zu gehen, schweifte sein Blick durch das Fenster in das Wohnzimmer. In einem Sessel saß Frau Weißenhaupt. Still und stumm, mit einem flehenden Blick.

Es ging alles ganz schnell. Jonas wusste, wo Herr Meyer wohnte, Herr Meyer wusste, wer Jonas war und dass er nicht ohne Grund morgens um sechs Uhr bei ihm schellte. Der Krankenwagen kam trotz anderer Krise ohne Verzögerung und Frau Weißenhaupts Blick war dankbar, als Jonas, versteckt unter einem Trenchcoat mit Schlapphut hinter Herrn Meyer stehend, sie sehen konnte. Das war gerade noch einmal gut gegangen.

„Hier, Meister Lampe“, sagte Herr Meyer und reichte ihm eine kleine Flasche mit einem Zettel, „Lena hatte davon gesprochen, ich weiß, dass sie mich fragen wird, ob ich das weitergegeben habe.“

Dann gingen alle nach Hause, doch noch Ostern feiern, wenn auch nur ein wenig. Es würde weitergehen. Solange sich alle kümmerten, solange nach Niesel die Sonne wärmte.

©by Anne Haase, Köln, März 2020 – bitte beachten Sie das Urheberrecht

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Wie schreibt man ein Sachbuch?

„Konzeptentwicklung bei Sachbüchern und Ratgebern“
Ein Webinar von Cordula Natusch

Geht sachliches genau so wie literarisches Schreiben? Das ist eine Frage, die seit Kurzem für mich sehr aktuell ist. Zwar habe ich schon einiges an sachlichen Texten und sogar ein Nachmittagsschulbuch geschrieben, aber mein Sachbuchprojekt liegt auf Eis, weil ich nicht den rechten „Pack-an“ hatte. Es war schon schwer, die richtigen Fragen zu stellen, um meinem Projekt auf die Spur zu kommen.

Mit Corona ploppten bei Twitter im regelmäßigen Takt Tweets, Retweets und Hinweise zu den verschiedensten Angeboten, was man so alles mit seiner Freizeit (da wussten einige noch nicht, dass dieser Begriff bei Home Office nicht zutrifft) anstellen kann, auf. Ein Retweet (gute Vernetzung der schreibenden Zunft!) trudelte bei mir ein, in dem Cordula Natusch dazu einlud, an einem kostenlosen Webinar zur Konzeptentwicklung bei Sachbüchern und Ratgebern teilzunehmen, das eigentlich für die – ausgefallene – Büchermesse geplant gewesen war. Eine Sachbuch-Expertin: Da Sachbücher bisher nicht unbedingt mein Tummelplatz waren, waren mir Cordula Natusch und ihre Webseite vorher nicht bekannt gewesen. Ich war neugierig, hatte Zeit und Lust, mir mal anzusehen, wie so eine Online-Schulung bei anderen aussieht, und meldete mich an.

Zu Beginn lief leider einiges schief, ich kam nicht in den Konferenzraum rein und konnte auch niemanden per Mail oder Twitter erreichen. Aber Cordula Natusch reagierte schnell auf meine frustrierten Meldungen, es war nicht nur mir so ergangen, und sie bot allen Gestrandeten einen zweiten Start am 17. März an.

Dieser klappte dann ausgesprochen gut, wir waren einige, die das Angebot – und auch das netterweise zweite – angenommen hatten. Und wurden mit sehr gutem fundiertem Fachwissen und von mir auch sehr geschätztem Realismus und Pragmatismus durch eine äußerst interessante halbe Stunde geführt. Ich kam mit dem Mitschreiben kaum nach, denn Cordula Natusch erzählte viel zum Thema, und da Thema ist nicht nur ein weites Feld, sondern besteht aus mehreren Ländern.

Es ging zunächst einmal darum, wie man ein Konzept entwickeln kann, um an diesem alles, was das zu schreibende Buch angeht, abwickeln kann. Mit dieser Methode spart man viel Zeit und Energie, weil man immer einen roten Faden hat. Für mich als intuitive Schreiberin natürlich ein Gräuel, aber gerade beim Sachbuchschreiben macht das enormen Sinn. Während des Vortrags und auch danach hatten wir die Möglichkeit, über die Chatfunktion des Konferenzraums unsere Fragen zu stellen, aber das wurde nur mäßig in Anspruch genommen, denn es wurde alles gut und ausführlich erklärt. Cordula Natusch gab viele Tipps, wie das Konzept auch für die andere Arbeiten als nur das reine Schreiben eingesetzt werden kann, und vollgepackt mit vielen neuen Ansätzen, aber auch dem Gefühl, dass ich schon vieles gewusst, aber noch nicht einsortiert hatte, ging ich aus diesem Webinar und hatte ein paar Tage Zeit, das Gehörte und Gelernte zu verarbeiten.

Am 21. März ging es weiter, überraschenderweise war die Gruppe nicht größer. Es schienen sich doch einige, die insgesamt ja an zwei Auftakt-Konferenzen teilgenommen hatten, verabschiedet zu haben. Hier trennte sich anscheinend schon die Spreu vom Weizen. Aber das ist eine Erfahrung, die ich auch immer wieder mache: Sobald man davon spricht, dass ein Buch sich nicht von selbst schreibt und die eigentliche Arbeit nach dem ersten Runterschreiben erst richtig anfängt, verlieren viele das Interesse. Die Überlegung sollte aber sein, weshalb irgendjemand ein Buch, das nicht ordentlich gemacht wurde, kaufen soll? Ein guter Hinweis dazu war, dass man von jedem Buch für die folgenden Bücher lernt und sie so auf jeden Fall nötig sind, die weiteren Bücher aber mit Sicherheit besser werden.

An diesem zweiten Termin ging es um die Frage: Selfpublishing oder Verlag? Unter anderem fielen die Schlagworte Erfolgsfaktoren, Qualität, Sichtbarkeit, Überarbeitung, Covergestaltung Dienstleister und Lektorat. Sie erklärte gut, wie das eine mit dem anderen zusammenhing, weshalb man ein gutes Buch nicht alleine bewerkstelligen kann, sondern immer professionelle Hilfe beanspruchen sollte, und dass ein gutes Netzwerk von großer Bedeutung ist.

Insgesamt ging dieser Webinarteil über eine ganze Stunde. Cordula Natusch war so begeistert von ihrem Thema und es kamen auch einige interessiert Fragen, sodass beide Bereiche – einmal Selfpublishing und einmal Verlag – jeweils dreißig Minuten behandelt wurden. Am Ende wurde uns eine kleine Challenge angeboten, die am Montag, 23. März starten und bis zum Freitag, 27. März gehen sollte.

Die Challenge-Termine gingen über eine halbe Stunde (der letzte wieder deutlich länger J) und hatten einen gleichen Aufbau. Die Themen waren

  • Montag: Zielerreichung
  • Dienstag: Schreibthemen
  • Mittwoch: Zielgruppen
  • Donnerstag: Konkurrenzanalyse
  • Freitag: Gliederung

Zunächst referierte Cordula Natusch etwa 25 Minuten zu dem Thema, dann folgte eine Fragerunde – sofern die Fragen nicht bereits zwischendurch gestellt und beantwortet wurden -, und dann erhielten wir eine aufs Thema bezogene Aufgabe für den nächsten Tag. Natürlich wurde diese Aufgabe nicht bis ins kleinste Detail ausgearbeitet; aufgrund der kurzen Zeiten war der Fokus auf eventuellen Schwierigkeiten mit oder Bemerkungen zu der Aufgabe. Aber letztlich waren die Aufgaben die, die man sich selbst bei der Produktion eines Sachbuches stellen sollte. Mich selbst haben sie sehr viel weitergebracht, zum einen, weil ich eine andere Sicht auf die Arbeit bekam, zum anderen, weil ich mich in vielen Punkten bestätigt sah: Ein Sachbuch zu schreiben ist in Teilen genauso wie Belletristik zu schreiben – nur anders!

Cordula Natusch fragte uns am Schluss des Webinars, ob wir eventuell an einer Betaversion ihres Webinars zum Sachbuchschreiben teilnehmen wollten, und ich glaube, außer einer Teilnehmerin waren alle begeistert. Diese wollte sofort mit der Umsetzung ihrer Idee starten und sicherte sich Cordula Natusch direkt als Expertin in Coaching für ihr Projekt. Mein Neid begleitete sie: Hätte ich vorher gewusst, wie toll ich in das Thema eingeführt würde und wie gut und sachlich Cordula Natusch arbeitet, hätte ich mein Projekt bis zum Termin auch auf einen Punkt gebracht, an dem es für mich interessant gewesen wäre, direkt weiter tief einzutauchen.

So bleibt mir nur, an dieser Stelle Cordula und Stefan, der streckenweise im Hintergrund für die Technik sorgte, nochmals für ein tolles Webinar zu danken: Die Dauer der einzelnen Einheiten war hübsch gering, der Input war enorm, und ich habe viel für mich herausgezogen. Für eine kostenlose Veranstaltung hatte dieses Webinar ein extremst gutes Preis-Leistungs-Verhältnis!

Für eine pekuniär honorierte Veranstaltung würde ich mir ein individuelles Eingehen auf die einzelnen Projekte und eine stärkere Vernetzung der Teilnehmende – zumindest für die Dauer des Webinars – wünschen, vielleicht auch an einigen Stellen Überarbeitungen von gestellten Aufgaben durch die Dozentin. Und ja: Ich bin auf jeden Fall dabei!

Glück gehabt! Werkstatt für Minimalgeschichten

1. bis 3. März 2020 in der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel

Im Vorfeld nannten wir es schon zum „Glückskäfertreffen“ um, und mit einem glücklichen Gefühl machte ich mich auch am Sonntag nach Wolfenbüttel auf. Ich bin drei Monate nicht mehr dort gewesen, es war Zeit, mal wieder „Akademie-Atmosphäre“ zu schnuppern.

Es war eine recht gemischte Gruppe, die sich da eingefunden hatte, altersmäßig waren die elf Teilnehmerinnen breit verteilt, auch aus mehrerer Frauen Länder waren sie angereist und ja: Außer dem Seminarleiter Olaf Kutzmutz war kein anderer Mann zugegen. Schade, eigentlich, denn auch Männer können ab und zu eine Portion Glück gebrauchen.

Vor der Vorstellungsrunde sollte zunächst die Hausaufgabe abgearbeitet werden, und hier zeigte sich, wer das Einladungsschreiben bis zum letzten Satz gelesen hatte. Hatte ich nicht, trotzdem war es mir ein Leichtes, eine Ein-Satz-Antwort auf die Frage „Was ist Glück?“ zu liefern. Schließlich war es das Thema des Seminars und ich hatte mich die letzten vier Wochen schon damit beschäftigt.

Eine bunte Mischung an Zetteln sammelte sich, und wir sahen, dass wir unter Glück alle was ähnliches und doch etwas ganz anderes verstanden – was für ein Glück! Denn so konnten wir drei Tage lang die Ansichten unserer Mitstreiterinnen über Texte und Diskussionen kennenlernen.

Natürlich ging es nicht nur um Glück, sondern auch um Mimimalgeschichten, deren gemeinsames Thema eben das Glück werden sollte. Ein Satz ist in den seltensten Fällen schon eine Minimalgeschichte, nach dem Beginn mit einem Satz erhöhten wir auf drei Sätze bis zu anderthalb DIN-A4-Seiten und reduzierten die Satzzahl bis auf drei in der letzten Übung, die wir am Dinestag gegen 11.45 Uhr gemeinsam in dieser Schreibwerkstatt absolvierten.

Dazwischen lagen, wie immer, drei Tage. Wer noch nicht in Wolfenbüttel war und den Ablauf nicht kennt: Ich habe ihn bereits in einem Blogeintrag geschildert.

Es folgten insgesamt dreizehn Übungen, verteilt auf sieben Blöcke Schreibseminar, mit anschließender Vorleserunde und mal kürzerer, mal längerer Besprechung. Glück war immer Thema, manchmal auch das Gegenteil, das Unglück, aber es gab immer viel zu lachen oder auch schon mal ein paar nachdenkliche Töne.

Interessant fand ich an diesen drei Tagen:

  • Auch kleinste Geschichten, die eigentlich komplett dem Alltag entspringen, können eine Menge Spannung enthalten
  • Es muss nicht immer alles auserzählt werden
  • Reduktion wirkt häufig Wunder
  • Nicht alles, was mir beim Schreiben klar ist, wird vom Leser verstanden
  • Der Leser ist es, nach dem ich mich richten muss, und nicht meine Wahrnehmung oder mein Wissen
  • Das von Olaf Kutzmutz uns nahegelegte Prinzip AMEN, nach dem wir schreiben sollten: A wie Anfang, M wie Mitte, E wie Ende und N – wie sollte es anders sein – für nächste Geschichte …

Außerdem weckte das Seminar in mir die Lust, mal wieder eine Schreibwerkstatt zu leiten, um die neuen Schreibübungen und Anregungen – nicht unbedingt mit dem Thema Glück, es gibt viele andere Möglichkeiten – wieder an die Frau oder den Mann zu bringen.

Heute Mittag in der Feedbackrunde stellten wir fest, dass die Zeit zu schnell vergangen war, wir gar nicht wirklich nach Hause fahren wollten und alle bestimmt mal wieder an einem Seminar teilnehmen – die eine früher, die andere später.

Ein rundum ruhiges, sorgloses und vor allem glückliches Seminar!

Ach ja, und über die Glückskäfer haben wir natürlich auch geschrieben …

Geplottetes in Wolfenbüttel

Manchmal ist man ja gerade zurück im Alltag angekommen, da muss man sich schon wieder auf den Weg zum nächsten Seminar machen. Und so bin ich im November zum zweiten Mal nach Wolfenbüttel, dieses Mal zu dem Seminar „In 7 Punkten zum Plot“ mit Jürgen Kehrer, gefahren.

Wie allen sicherlich bekannt ist, ist Jürgen Kehrer der Erfinder von Georg Wilsberg. Wobei der Fernseh-Wilsberg, dargestellt von Leonard Lansinck, sich mittlerweile von dem Buch-Wilsberg unterscheidet. Um Wilsberg ging es aber in den drei Tagen sozusagen nur am Rande, als nämlich Jürgen Kehrer in einer „Vorpremiere“ seinen zwanzigsten Wilsberg-Krimi in Teilen bei einer Lesung vorstellte.

Ich selbst habe Jürgen Kehrer als Dozent schon mehrmals erlebt; einmal bei einem Seminar in Wolfenbüttel, bei dem wir uns die Unterschiede zwischen planerischem und intuitiven Schreiben angesehen haben, ein anderes Mal bei einem Krimi-Workshop auf Norderney, bei dem die Teilnehmer gefühlt die Hälfte der sich auf Norderney befindlichen ermordeten. Mein damals entstandener Kurzkrimi erschien später in der Anthologie Ebbe, Flut und Todeszeiten.

In dem jetzigen Seminar setzten wir uns mit der Plotmethode von Dan Wells auseinander. Hierzu findet sich viel im Internet, zum Beispiel hier. Interessant fand ich bei dieser Methode, dass Dan Wells empfiehlt, mit dem Ende anzufangen. Also nicht dem absolut letzten Ende, nach dem der Vorhang fällt, sondern mit dem Ende der eigentlichen „Queste“. Um es in „Der Herr der Ringe“ zu erklären: Das Ende ist erreicht, als Frodo den Ring in die Lava wirft, das absolut letzte Ende ist die lange Abschiedsphase, die danach noch folgt. Nach diesem Ende überlegt man sich, wie der Anfang aussieht. Das wäre beim Tolkien-Beispiel der Moment, in dem Frodo an den Ring kommt. Auch hier kann man sehen, vorher geschieht auch schon so einiges, aber sowohl Anfang als auch Ende sind eben eng mit dem Protagonisten verbunden, der hier als Handelnder eben auch aktiv sein soll.

Wir haben uns die einzelnen Punkte an vielen Beispielen angesehen und schließlich selbst anhand von Märchen einmal versucht, die Plotpunkte unterzubringen. Dann gingen wir an unsere eigenen Texte und suchten Ende, Anfang, ersten Wendepunkt und ersten „Knackpunkt“ unserer Romane.

Mit diesen beschäftigten wir uns dann ungefähr zwei Drittel eines Seminartages. Jeder hatte schließlich die gleiche Zeitspanne und Aufmerksamkeit von Olaf Kutzmutz, Jürgen Kehrer und den anderen Teilnehmenden zur Verfügung. Es war interessant, lehrreich und sehr energiegeladen, was da an Kritikpunkten, Überlegungen, Vorschlägen und Diskussionen aufkam.

Die nächste Aufgabe war dann eine grobe Zusammenfassung aller Plotpunkte zu einem mehr oder weniger flüssigen Text, in dem in aller Kürze der komplette Roman erzählt werden sollte. Das wurde am Ende dieses Seminartages begonnen und konnte – je nach Schlafwunsch – die ganze Nacht weitergetrieben werden. Am letzten Tag beschäftigten wir uns dann mit den Ergebnissen.

Es war überwältigend zu sehen, wie verändert die vorher noch recht vagen Ideen waren, wie viel Form, Farbe und Dichte sie gewonnen hatten und wie sich auch Charaktere und ganze Handlungsstränge nun anders darstellten. Diese beiden Arbeitsschritte hatten um so viel mehr bewirkt, als ich es mir in zwei Tagen jemals hätte vorstellen können.

Wie immer war dann genügend Zeit für eine gründliche Feedbackrunde, in der sich alle sehr positiv über die gemeinsame Arbeit äußerten. Ich habe es auch als sehr kollegiales Arbeiten, das für die Romanideen sehr befruchtend war, empfunden.

Mit der Methode selbst hadere ich noch. Aber man sollte auch der 7-Punkte-Plot-Methode eine zweite Chance geben.

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In eigener Sache: Kursteilnehmer

Kursteilnehmer sind sehr spezielle Wesen. Ich war früher selbst nur Kursteilnehmerin, bei der VHS habe ich damit mit 15 Jahren angefangen, als man erst mit 16 die VHS betreten „durfte“. Meine Mutter hatte ein gutes Wort für mich eingelegt. Auch heute noch bin ich Kursteilnehmerin, Seminarbesucherin, Konferenz- oder Workshopteilnehmerin. Was mir bis heute wichtig ist:

  • Ich weiß möglichst schnell, ob ich teilnehme oder nicht – also meist spätestens eine Woche nachdem ich den Termin kenne
  • Ich frage vorher ab, ob es in Ordnung ist, wenn ich erst später kommen kann oder früher gehen muss
  • Ich sage sofort ab, wenn mir etwas anders dazwischenkommt, das eine höhere Wichtigkeit hat
  • Bin ich am Veranstaltungstag erkrankt, gebe ich Bescheid, dass ich nicht mehr komme
  • Nehme ich an einem längerdauernden Kurs an einem oder mehreren Terminen nicht teil, sage ich der Kursleitung, dass ich nicht komme und wenn ich gar nicht mehr komme, woran das liegt

Ich finde diese Punkte essenziell.

Da ich auch die andere Seite als Kursleiterin kenne, führe ich hier auf, wie es aus dieser Sicht aussieht:

Bei den meisten Bildungseinrichtungen muss man mittlerweile mindestens ein Dreivierteljahr vorher planen, wann man welchen Kurs macht. Ich wusste sogar schon im Oktober 2019, was ich an manchen Dezembertagen 2020 mache. Zu diesem Zeitpunkt muss ich schon grob wissen, was in dem Kurs gemacht wird, damit die Ausschreibung daran angepasst wird.

Ich sortiere alle anderen Termine möglichst um diese Termine herum. Alle Einzeltermine sind bei mir fix, da wird nicht dran gerüttelt. Ich habe auch schon heiser, fast ohne Stimme, einen Gitarrentermin durchgezogen und die Lieder, die ich vorgestellt habe, von der CD laufen lassen. Denn hätte ich diesen Termin ausfallen lassen, hätten vier weitere darauf aufbauende Termine nicht stattfinden können. Das wäre für die Teilnehmer sehr ärgerlich gewesen. Ist es ein fortlaufender Kurs, der nach vorn oder hinten Puffer bietet, verschiebe ich auch schon mal nach Absprache mit meinen Teilnehmenden einen Termin.

Nun naht der Tag des Kurses. Bei den Bildungseinrichtungen steht und fällt der Kurs mit der Zahl der Anmeldungen. Je nach Kurs sollte auch eine bestimmte Anzahl an Menschen da sein. Zum Beispiel kann ich ganz gut in den Lese- und Schreibkursen oder beim Gitarrespielen Einzelunterricht erteilen. Ist dann auch mal ganz nett, wenn es auch für den jeweiligen Teilnehmer sehr anstrengend ist: Er steht während der kompletten Kurszeit allein im Fokus der Dozentin. Da kann man sich nicht mal zwischendurch wegträumen oder aussetzen. Meist kürze ich die Zeit dann auch ab oder mache längere Unterhaltungspausen dazwischen. Bei Schreibwerkstätten braucht man eine gewisse Dynamik, denn die Teilnehmer bekommen Ideen durch die Texte der anderen, sie erhalten Feedback, steigen selbst in Diskussionen um andere Texte ein. Schreibwerkstätten sind Gruppenevents, und eine Mindestteilnehmerzahl von mindestens sechs (anwesenden!) Teilnehmern ist unabdingbar.

Nichtsdestotrotz muss eine bestimmte Teilnehmerzahl erreicht sein, damit der Kurs laufen kann, schließlich werden Teilnehmerbeiträge eingezogen und diese werden (unter anderem) dafür verwendet, die Dozentin zu bezahlen. Manchmal ist die Teilnehmerzahl auf der Kippe, dann muss ich eine Stunden- und entsprechend Honorarkürzung akzeptieren – oder den Kurs ganz absagen.

In den meisten Bildungseinrichtungen wartet man mittlerweile bis zu einem Tag vor Kurstermin, bevor ein Kurs mangels Teilnehmerzahl abgesagt wird. Denn häufig ist es so, dass ein Kurs, der eine Woche vorher nur eine Anmeldung vorwies, einen Tag vor dem Termin dann doch ausgebucht ist. Ist das aber nicht der Fall, wird abgesagt und die nun ausgeladenen Teilnehmer sind entsprechend enttäuscht, denn sie hatten sich ja auf den Termin eingestellt.

Und dann kommt etwas, über das ich mich schon ärgere: Am Kurstag, den ich dann natürlich mit teurer Freizeit, da ich einen Verdienstausfall habe, verbringe, ruft mich meistens irgendwer an und ist ganz erstaunt, dass der Kurs ausfällt. Auf die Frage, ob er nicht angerufen und ihm abgesagt wurde, kommt dann meist, dass er oder sie noch gar nicht angemeldet war, weil der Kursbesuch ein spontaner Einfall war. Meist liegt es an dieser einen spontanen Nicht-Anmeldung, dass der Kurs nicht zustande gekommen ist.

Die Tendenz ist da: Immer mehr Menschen melden sich nicht an, sondern warten lieber ab. Ist der Kurs dann irgendwann belegt, lässt man sich dann doch noch auf die Warteliste setzen, die ist ja unverbindlich. Für den Veranstalter und mich ärgerlich, wenn vier Leute auf der Warteliste stehen, vier angemeldete Teilnehmer abspringen und die Nachrücker dann doch alle nicht können.

Man sieht, dass dieses System irgendwie nicht mehr funktioniert. Natürlich liegt es zum einen daran, dass man in der heutigen Zeit nicht weiß, was dem Chef in der nächsten Woche einfällt und man daher seine Freizeit nicht wirklich planen kann. Andererseits hängt an einem Kurs in einer Bildungseinrichtung ein riesigen Apparat: Es müssen Räume zu dem Termin zur Verfügung gestellt werden mit entsprechender Ausstattung. Der Kursleiter muss eventuell ein ganzes Wochenende mit allen Zeitschienen, Kopien und Medien vorbereiten. Das kann man nicht alles so eben mal eine Woche vorher arrangieren. Dafür braucht es Vorlauf – wenn ich auch diese neun Monate übertrieben und teilweise unrealistisch finde.

Wer sich bis jetzt durch den Text gelesen hat, wird jetzt vielleicht etwas besser verstehen, weshalb ich als Kursteilnehmerin so korrekt wie möglich bin. Denn ohne das laufen die Kurse nicht, haben die Bildungseinrichtungen und die Lehrenden keine Einnahmen und müssen die Kurse absagen und irgendwann wird auch das Angebot entsprechend geringer und weniger vielfältig. Und das wollen doch alle nicht, oder?

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Der Weltenbau in Wolfenbüttel

Vom 1. bis zum 3. November durfte ich nach Wolfenbüttel in die Bundesakademie für kulturelle Bildung zu einem Schreibseminar fahren. Dozenten waren Kathrin Lange und Klaus N. Frick sowie Olaf Kutzmutz.

Das Thema war „Weltenbau in Horror, Science Fiction und Fantasy. Neben Teilnehmern, die ich schon aus vorherigen Seminaren – und auch denen mit Thema SF und Fantasy – kannte, waren auch einige neue Gesichter dabei. Insgesamt waren wir sechzehn Teilnehmer.

Im Vorfeld hatte jede/r einen acht normseitigen Text eingereicht sowie ein kurzes Exposé zu seinem Romanprojekt. Bei dem Romanprojekt sollte besonderes Augenmerk auf den Weltenbau gelegt werden.

Der zeitliche Ablauf ist fast immer gleich. Ich habe ihn bereits in einem Blogeintrag geschildert.

Die Texte aus dem Skript waren interessant zu lesen, zumal ich hier auch die Gelegenheit hatte, mal bei anderen reinzuschnuppern, wie sie ihre Welten bauen, worauf sie Wert legen, was sie vielleicht völlig anders machen, was ich vielleicht auch einmal ausprobieren möchte. In der Schreibwerkstatt ging es nach der üblichen Vorstellungsrunde zunächst in die Weltenbau-Theorie und Kathrin lange hielt einen Vortrag über die Möglichkeiten. Es ging auch um Veröffentlichung, darüber, was gerade von den Verlagen an Themen gesucht wird, aber auch, was verbrannt ist. Klaus N. Frick ergänzte und erzählte aus seiner eigenen Praxis; Kathrin Lange ist Autorin, war aber auch Buchhändlerin und ist auch in einem Buchverlag tätig, Klaus N. Frick ist Programmleiter für Perry Rhodan und auch Autor.

Am Samstag ging es den ganzen Tag um die eingereichten Texte. Jeder Text bekam 20 Minuten, in denen intensiv über ihn gesprochen wurde. Die meisten Texte hatten doch noch erhebliches Nachbesserungspotential, meiner nicht ausgenommen. Nach dem ersten Schreck darüber war es aber auch wieder gut, über andere Texte zu sprechen und gemeinsam zu überlegen, was man anders oder besser machen konnte. Am Abend gegen 9 Uhr waren wir alle sehr platt und hörten gerne noch eine halbe Stunde aun, was uns Kathrin und Klaus aus der Praxis erzählten.

Am Sonntag hatten wir noch Zeit, um uns ein Bild von Jakub Różalski anzuschauen und dazu einen Text in dreißig Minuten zu schreiben, der unseren Weltenbau zu diesem Bild deutlich machen sollte. Alle schrieben fleißig, jede/r hatte nach der halben Stunde einen Text, der zwar häufig noch Werkstattcharakter hatte, aber die jeweilige Welt eindringlich zeigte und Gesprächsstoff lieferte. Leider war die Vorlese- einschließlich Besprechungszeit auf fünf Minuten begrenzt. Nach einer schon anstrengenden Runde waren dann alle froh, dass wir unser Pensum geschafft hatten, wenn auch einige bestimmt gerne weitergemacht hätten.

Zu dem Seminar hat auch Klaus N. Frick hier gebloggt. Das Weltenbau-Wochenende hat großen Spaß gemacht. Ich fand es auch schön, den einen und die andere Protagonist/in/en wiederzutreffen sowie deren/dessen Erzeuger/in. Viele neue Eindrücke, viele Kontakte, viele Gespräche, ich freue mich auf das nächste Seminar und kann es eigentlich jedem nur abratend empfehlen: Das hat wirklich Suchtfaktor!

Photo by Frank Burgey from FreeImages

Die Persönlichkeitsspaltung eines Autors

Eine Freundin kam zu mir, um sich Trost zu holen. Der wurde ihr aber anders zuteil als erwartet. Sie wollte sich über ihren Freund beschweren, wie schlecht er sie behandelt hatte, und erhoffte sich Zustimmung von mir. Natürlich war ich ihrer Meinung und habe sie getröstet und mit ihr über diesen Mistkerl geschimpft. Dann habe ich angefangen, mir vorzustellen, was er sich wohl dabei gedacht haben könnte, als er sie so behandelt hat, wie sie es beklagte. Meine Freundin reagiert zunächst ärgerlich, dann erstaunt, schließlich nachdenklich. Unser Gespräch setzte sie so um, dass sie mit ihrem Freund ihre Partnerprobleme besprach und sie sich einigen konnten. Danach fragte sie mich, weshalb ich so genau wusste, was in ihm vorgegangen war?

Ich hatte es nicht gewusst. Sondern mir die ganze Situation als Geschichte vorgestellt.

In meinen Schreibwerkstätten male ich spätestens am dritten Abend (oder bei einer Wochenend-Schreibwerkstatt am Sonntagmorgen) den Eisberg auf und erkläre anhand dieses Bildes, was man von seinen Protagonisten wissen sollte und was man davon dem Leser mitteilt. Der komplette Eisberg ist das, was der Autor über seine Geschichte und die Protagonisten weiß. Etwa zwanzig Prozent davon, also das, was aus dem Wasser ragt, teilt der Autor dem Leser in seinem Text mit. Die restlichen achtzig Prozent erfährt der Leser nicht vom Autor. Sie stehen teilweise zwischen den Zeilen oder sind für die eigentliche Geschichte oder die Charakterisierung des Protagonisten nicht so wichtig, dass der Leser sie wissen muss. Schließlich wissen wir auch über andere Menschen nicht alles – letztlich noch nicht einmal über uns selber, denn vieles von dem, was wir erlebt haben, verschwindet in den Nebeln des Vergessens. Manch einer ist auch einfach zu jung gewesen, als ein Ereignis ihn stark traumatisierte, sodass dieses Ereignis zwar nachwirkt und ihn noch heute beeinflusst, er kann sich aber nicht daran erinnern.

Weiß der Autor aber solche Geschehnisse nicht von seinem Protagonisten, kann er ihn nicht logisch darstellen. Es fehlen Details, die die Figur zusammenhalten und ihren Charakter ausmachen und ihr Handeln begründen. Handelt jemand, ohne dass man im mindestens begreift, weshalb er das nun so macht, wird die Person unglaubwürdig und wir nehmen sie nicht „für voll“.

Ebenso ist es bei einem Antagonisten, also der Person, die dem Helden oder der Heldin der Geschichte entgegentritt. Sie muss in ihrer Art, egal wie gemein oder hinterhältig sie auch scheint, und in ihrem Handeln, so zerstörerisch es auch sein mag und so wenig es dem Leser auch gefallen mag, authentisch sein. Und das ist sie nur, wenn es einen Grund für ihr Handeln gibt.

Alle diese Überlegungen und das Wissen um die Charaktere und Persönlichkeiten und Abgründe der handelnden Figuren muss der Autor anstellen, um seine Personen so agieren lassen zu können, dass es nachvollziehbar ist. Der Autor muss sich in jede einzelne seiner Figuren hineinversetzen können, ähnlich wie ein Schauspieler und ein Regisseur.

Häufig helfen Steckbriefe, die man mit Informationen zu den Protagonisten füllt. Solche Steckbriefe in verschieden tiefgehender Ausführung findet man leicht im Internet. Eine andere Möglichkeit ist, ein Skizzenbuch anzulegen, in dem man kleine Episoden über die Figuren notiert, über ihre Kindheit, über ihre Umfeld, wo sie gewohnt haben, wie sie Freunde gefunden haben und andere Erlebnisse, die zwar keinen Eingang in die eigentliche Geschichte finden, aber dem Autor einen tieferen Einblick in die Persönlichkeit der Figur gibt.

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Gitarre spielen lernen – meine Crashkurse

Am Freitagabend war es wieder soweit: Das zweite Modul meiner Reihe „Gitarre für blutige Anfänger“. Die Teilnehmerzahl variierte bald täglich, zunächst hieß es, der Kurs würde ausfallen, weil zu wenige Anmeldungen vorlägen, am Ende wäre der Kurs voll gewesen, wenn eine Teilnehmerin nicht spontan einen Kurzurlaub angetreten und ihre Anmeldung storniert hätte. Ja, so etwas bekomme ich dann mitgeteilt, ich bin da wirklich froh, dass meine Teilnehmer mir Mitteilung machen, wenn sie verhindert sind. Manche kommen seit Jahren in meine Module und es ist immer wieder schön, wenn sich „alte Bekannte“ treffen.

„Gitarre für blutige Anfänger“ – meine Modul-Reihe bei der VHS Köln: heißt von Beginn an so. Um die Jahrtausendwende habe ich damit in der VHS Köln-Mülheim begonnen, da gab es drei Module, die ich mittlerweile auf sechs ausgebaut habe: Modul A mit den Akkorden e-Moll, E-Dur, A-Dur und D-Dur, Modul B als Wiederholung der Akkorde und Einführung eines ersten Rhythmusschlages, Modul C mit den Akkorden C-Dur, G-Dur und G7-Dur sowie einem zweiten Rhythmusschlag, Modul D als Wiederholung des bisher Gelernten, Modul E mit a-Moll, d-Moll, E6, E7, A6, A7, D7, und Modul F mit den geläufigen restlichen Akkorden unterhalb der Barree-Griffe. In jedem Modul gibt es über zehn Lieder, die – meist nur mit der ersten oder auch zweiten Strophe – gespielt werden, und einiges an Theorie: Wie die Gitarre gestimmt wird, was es mit den Westerngitarren und den Konzertgitarren auf sich hat, Vor- und Nachteile von Nylon-/Karbon- und Stahlsaiten, wo man Lieder findet, wie das mit dem Transponieren geht, wie ein Akkord aufgebaut ist, wie man die verschiedenen Darstellungen der Akkorde liest und so weiter.

Wichtig ist von Anfang an die richtige Haltung beim Spielen, sowohl körperlich beim Sitzen, der Finger und der Hand bei den Akkorden und die geistige Haltung in Bezug auf das Üben und den eigenen Schweinehund. Denn ich weiß aus meiner langjährigen Erfahrung, die mittlerweile bald ein Vierteljahrhundert für Musikunterricht beträgt, dass Erwachsene nicht jeden Tag üben können, weil es viele Sachen gibt, die einfach wichtiger sind. Wer eine Musikerkarriere anstrebt und jeden Tag mehrere Stunden übt, ist bei mir bei der falschen Dozentin. Denn für mich ist wichtig, dass meine Teilnehmer Spaß am Spielen haben und gerne kommen. Manchmal bedeutet das, dass sie die Gitarre nur in die Hand nehmen, wenn sie in meinem Gitarrenunterricht sitzen. Für mich ist das ok, solange es für sie auch in Ordnung ist. Der Erfolg ist zwar dann gering, aber immer noch bedeutend größer als wenn sie gar nicht spielen würden.

Zurück zu dem Freitagabend. Ein Teilnehmer kam tatsächlich ohne Gitarre. Er meinte, er würde Luftgitarre spielen und seine Finger würden sowieso vom Spielen so schnell wehtun – er hatte aber seit dem Modul A, das vor vier Wochen stattgefunden hatte, keine Gitarre mehr berührt. Ich fands schräg, er blieb, und nach kurzer Zeit schon teilten wir uns meine Gitarre: Ich spielte die Lieder vor, wir spielten einmal zusammen ohne ihn, dann spielte die Gruppe ohne mich. Hatte ich so auch noch nie, war aber ein interessantes Unterfangen.

Achja, die Finger taten weh: Das ist der Grund, weshalb meine Kurse „für blutige Anfänger heißen“: Die Module A, C, E und F sind jeweils drei Zeitstunden lang, B und D als Wiederholungen drei Unterrichtsstunden (2,25 Zeitstunden). Eine solch lange Zeit als Ungeübte Gitarre spielen heißt, dass die Finger wund sind und kurz davor, Blasen zu werfen oder eben – blutig zu werden …

Übrigens: Das Konzept eignet sich auch für Lehrer*innen, Erzieher*innen, Eltern, Großeltern, Jugendgruppenleiter*innen. Ich biete die Crashkurse im weiteren Umkreis an. Die Gruppenstärke kann bis acht Teilnehmer*innen betragen. Wer Interesse hat, kann sich melden: anne@haasefuchs.de

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Endlich meinen Roman schreiben. Wie schaffe ich das?

Oft höre ich in meinen Schreibwerkstätten „Ich möchte gerne einen Roman schreiben, ich habe schon alle Figuren und Abläufe im Kopf, aber ich habe nicht die Zeit zu schreiben.“
Viele meiner Leser werden hier schon zustimmen. Ja, die Ideen sind da, indes die Zeit nicht.

Und das ist eben ein großer Trugschluss. Nicht, dass die Zeit nicht da ist, sondern dass man Zeit haben muss zum Schreiben. Hier greift nämlich das Sprichwort: „Zeit hat man nicht, Zeit muss man sich nehmen.“

Wie oft kommt es in unserem stressigen Alltag vor, dass wir Termine absagen? Einfach, weil zu dem Kaffeeplauschtermin oder dem Bierchen am Abend ein anscheinend wichtigerer Termin dazukommt, der es zeitlich unmöglich macht, den „unwichtigeren“ Termin auch noch wahrzunehmen. Sei es, dass eine Versicherung abläuft und man einen Termin mit einem Versicherungsvertreter machen musste, sei es, dass das Kaffeetrinken mit einer Bekannten anstand, aber die bester Freundin sich von ihrem Mann vernachlässigt fühlt – es passiert immer mal etwas in unserem Leben, das uns veranlasst, anderes einfach über den Haufen zu werfen.

Beim „Vorhaben Schreiben“ ist es eher so, dass wir uns so ganz unverbindlich mal überlegt haben, irgendwann mal einen Stift oder die Tastatur zu nehmen und dann mal mit dem Schreiben anzufangen. (Die drei „mal“ sind hier mit Absicht eingebaut und sie sollten etwas langgezogen ausgesprochen werden.) Aber natürlich ist alles andere wichtiger. Denn die Geschichte ist ja im Kopf, sie braucht ja „nur“ noch aufgeschrieben zu werden.

Haha. Wer sich mit dem Schreiben ernsthaft beschäftigt, weiß, dass das erste Aufschreiben der Anfang eines langen Prozesses ist, der sich über eine größere Zeitspanne hinzieht, in dem man an sich selbst zweifelt, alles, was man erschaffen hat, vielleicht komplett zerstört und neu aufbaut, es ändert, daran feilt, umbaut, mit sich selbst und anderen diskutiert, um am Ende ein Produkt in Händen zu haben, das viel arbeitsintensiver war als man sich das jemals vorstellen konnte.

Wer jetzt behauptet, er oder sie habe seinen oder ihren Roman an vier Tagen in einem Rutsch runtergeschrieben, er sei direkt von einem Verlag angenommen und nach drei Monaten sei man zum Literaturnobelpreis vorgeschlagen worden, lügt. So funktioniert Schreiben einfach nicht.

Am Anfang steht die Idee. Ähnlich wie ein Architekt oder Schreiner kommt dann der Plan. Das kann ein Konzept sein oder ein erster Umriss der Geschichte. Diesen schreibt man zunächst auf. Mit allen Figuren, Orten und Geschehnissen. Dann kommt eventuell Recherche dazu. Erst, wenn man dies alles geschafft hat, beginnt das eigentliche Schreiben. Und das muss man regelmäßig machen, um nicht immer wieder in der eigenen Geschichte den Faden zu verlieren oder festzustellen, dass der eigene Schreibstil sich in dem Jahr, die der halbe Roman unbearbeitet herumgelegen hat, sich doch dramatisch verändert hat. Dann kann man nämlich wieder von Neuem anfangen.

Diese 101 Wörter des vorigen Abschnitts zeigen, wie viel Zeit man braucht, um ernsthaft einen längeren Text zu schreiben, der dann auch so gut ist, dass es sich für andere lohnt ihn zu lesen. Und hier komme ich wieder auf das Sprichwort: Das alles braucht Zeit, die man angeblich nicht hat. Aber wenn es einem wichtig ist, nimmt man sich die Zeit.

Ich habe selbst vor einigen Jahren gemerkt, dass ich mit meinem Roman – Kinderfantasy in einer von mir erschaffenen Welt – einfach nicht weiterkam. Meine Kinder waren da um die zehn Jahre alt. Also in einem Alter, in dem sie nicht die ganze Zeit betüddelt werden mussten. Ich habe mehrere Gespräche mit ihnen und meinem Mann geführt, um zu erklären, was ich vorhabe und weshalb es mir wichtig ist. Sie haben meinen Plänen zugestimmt. Ab da war ich nachmittags für drei Stunden ein Drache, der jeden sofort mit Feuer bespuckte, wenn er angesprochen wurde. Nach einer Woche hatten sie es verstanden, dass Mama und Ehefrau, wenn sie am Computer saß, absolut nicht gestört werden durfte. Nach einem Monat hatte ich die Rohfassung mit 200 Seiten fertig. Und noch ein längere Geschichte von achtzig Seiten, die in der heutigen Zeit angesiedelt ist, geschrieben. Sie floss dann einfach hinterher. Ich war eben im Flow.

Natürlich ist es Kampf, sich die Zeit freizuschaufeln und sie auch zu verteidigen. Aber am Ende hat man etwas geschafft, statt nur darüber geredet zu haben. Andere stehen jeden Morgen eine halbe Stunde früher als sonst auf und nutzen diese halbe Stunde zum Schreiben. Man kann sich auch mit sich selbst verabreden und die Schreibzeit als wichtigen und festen Termin in den Kalender schreiben. Dazu muss man sich aber auch selbst ernst genug nehmen und diesen Termin unbedingt einhalten. Wer sich in das regelmäßige Schreiben einschleichen will, kann auch damit anfangen, sonntags keinen Krimi mehr zu gucken, sondern in den anderthalb Stunden selbst seinen Krimi zu erschaffen. Vielleicht ist man dann in der nächsten Zeit weniger über die aktuellen Filme informiert. Aber dafür auf dem Weg, seine Träume zu verwirklichen.

Deshalb, wenn du schreiben willst: Nimm dir die Zeit, sonst hast du sie nicht!

Photo by Renxx Gmdr from FreeImages

Der innere Schweinehund oder: Weshalb schreibe ich?

In meine Schreibwerkstätten kommen immer wieder Teilnehmer, die gerne ein Buch schreiben möchten. Teilweise haben sie vorher außerhalb der Schule noch nie einen längeren kreativen Text geschrieben, manchmal noch Tagebuch oder nette Briefe. Manche haben schon viele Jahre Geschichten geschrieben. Interessanterweise macht es in einer Schreibwerkstatt zunächst kaum einen Unterschied: Die kurzen Texte, die innerhalb von zwanzig Minuten geschrieben werden, sind nicht überarbeitet, an allen muss in jedem Fall noch gefeilt werden, bevor man über eine Veröffentlichung nachdenken kann. Viele gehen aus einer solchen Schreibwerkstatt nach Hause in dem festen Glauben, dass sie schreiben können und sie in einem halben Jahr auf der einen oder anderen Buchmesse ihr Erstlingswerk präsentieren.

Von vielen höre ich nie wieder. Und veröffentlicht haben die wenigsten.

Woran liegt das?

Eigentlich ist es das Phänomen, das andere einen halbfertig gestrickten Schal im Schrank im Schrank aufbewahren lässt, drei Bücher im Regal stehen lässt, die unbedingt noch gelesen werden müssen, den besten Freund oder die beste Freundin seit zwei Jahren auf ein Lebenszeichen warten lassen: Der innere Schweinehund blockiert die Tür, die wir wegen ihm ja einfach nicht durchschreiten können. Mal fehlt die Lust, mal die Gelegenheit, die Zeit, das Papier, der Stift, dann vergisst man sein Vorhaben mal wieder für drei Monate und setzt sich dann wieder voller Elan dran – nur um zu merken, dass man vor einiger Zeit schon mal ein wenig über Punkt Null war, so in Richtung eins, aber nun mindestens drei Punkte zurückgefallen ist. Und sich aus dem Minusbereich zu erheben, dazu fehlt den meisten die Kraft, die Lust, die Zeit, die Gelegenheit …

Und wie kann man das fürs Schreiben ändern?

Zunächst muss man sich wirklich darüber im Klaren sein, was man möchte.
Geht es darum, ein Buch mit dem eigenen Namen auf dem Buchrücken im Regal zu haben? In Gesprächen nebenher einfließen zu lassen, dass man ja auch schon ein Buch geschrieben hat?
Dann sollte man sich ernsthaft fragen, was der Grund für diesen Wunsch ist. Und ob es nicht auch den Wunsch gibt, ein Modelabel zu entwickeln, eine neue Geschirr- oder Schmuckserie auf den Markt zu bringen oder neben Moritz Bleibtreu in einem Krimi mitzuspielen. Das alles sind Wünsche und Tagträume, die jeder hat, die auch völlig richtig und legitim sind, die man aber nicht unbedingt und auf Biegen und Brechen erfüllen muss.
Will man seine eigene Geschichte oder die den Kindern erzählten Geschichten für seine Familie erhalten, kann man diese aufschreiben und bei Books on Demand oder anderen Dienstleistern in einer geringen Stückzahl für nicht zu viel Geld drucken lassen.
Geht es darum, mit einem Buch, einer Geschichte, etwas Geschriebenem berühmt zu werden?
Dann sollte man sich einmal fragen, was denn „berühmt werden“ bedeutet. Nicht jeder kennt jeden Autoren und nicht jeder Autor bringt Bestseller heraus. Meist wissen die nächsten Nachbarn nicht, dass eine Berühmtheit neben ihnen wohnt, oder es interessiert sie mal am Stammtisch oder beim Grillen, um dem Gesprächspartner damit zu imponieren, wen man kennt. Ehrlich: Was hat man davon, ein Buch zu schreiben, um damit berühmt zu werden?
Geht es darum, die Geschichten, die in einem blubbern, die Personen, die einem in den eigenen Geschichten begegnen, in die Welt zu lassen, geht es darum, endlich mal das mit der Perspektive richtig hinzubekommen oder einen Dialog so zu schreiben, dass er die Story um Potenzen weiterbringt? Will man seinen Ideen und Plots Raum geben und sie auch zu anderen reden lassen?
Dann sollte man sehen, dass man das tut. Und sein Leben mehr darauf ausrichten, dass man am Ball bleibt. Schließlich hat man einiges zu tun, um so gut zu werden, dass der Leser und die Leserin gespannt die Seiten MEINES Buches umblättert, um schnell zu wissen, wie es weitergeht. Schreibt man einen längeren Text, der sich nicht innerhalb eines Tages fertigstellen lässt, sollte man spätestens nach zwei Tagen weiterschreiben. Sonst hat man den Faden so sehr verloren, dass man erst einmal das aufmerksam lesen muss, was man bisher geschrieben hat, um nahtlos daran anknüpfen zu können. Das kostet Zeit, die man eigentlich zum Schreiben aufwenden sollte.
Stellt man nun fest, dass man das nicht hinbekommt, und auch nicht hinbekommen will, sich so oft und auch lange an sein Projekt zu setzen, sollte man sich damit begnügen, es Hobby sein zu lassen und sich keinen Druck zu machen: Schreiben ist Handwerk, und Handwerk lernt man nur durch das Selbermachen. Man wird mit seinen Schreibprojekten weiterkommen, wenn man sich nur ab und zu daransetzt, aber es wird seine Zeit dauern.
Wer aber merkt, dass es das ist, was Freude macht, dass man selber neugierig ist, wie es weitergeht, dass es erfüllend sein kann, den Plot weiter auszuarbeiten, dass man auch mal an dem richtigen Begriff knobeln kann, dass die Geschichte immer mehr Hand und Fuß durch das Schreiben bekommt – der ist auf dem richtigen Weg und muss nun die Disziplin aufbringen, dabei zu bleiben. Schließlich muss man das im Berufsleben auch.

Zu Beginn dieses Textes habe ich geschrieben: „Die kurzen Texte, die innerhalb von zwanzig Minuten geschrieben werden, sind nicht überarbeitet, an allen muss in jedem Fall noch gefeilt werden, bevor man über eine Veröffentlichung nachdenken kann.“ Und das ist nun die große Krux, an der viele, die
– jeden Tag schreiben
– viel schreiben
– mit dem Schreiben schon weit gekommen sind
– auf jeden Fall an einer Veröffentlichung arbeiten wollen
dann noch scheitern: das Überarbeiten. Und das ist wirklich ein Punkt, der zum Bücherveröffentlichen gehört wie das Schreiben. Kein Autor ist so gut, dass er seinen ersten Entwurf unbesehen veröffentlichen kann. Viele, die schreiben, sind aber bei Weitem nicht in der Lage, das Geschriebene wirklich kritisch und umfassend zu überarbeiten, ja vielleicht sogar das Geschriebene zu verwerfen und es komplett neu zu schreiben. Der eine oder die andere wird vielleicht bei dem Hinweis auf das Buch die Augen verdrehen, aber es erzählt sehr gut die Geschichte, wie es einer Autorin geht, wenn sie ein Buch schreibt. Monika Maron: Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche.

Häufig erlebe ich es in Schreibwerkstätten – in denen, die ich selber leite und auch in denen, die ich als Teilnehmerin besuche – dass eine Anmerkung zum Text mit einem Vorschlag, wie diese Stelle geändert werden kann (oder auch schon mal die Frage, ob das nicht besser komplett gelöscht wird), von der Urheberin oder dem Urheber abgelehnt wird mit der Antwort „Das soll so sein.“
Er oder sie denkt also gar nicht darüber nach, ob es vielleicht dem Text gut tun würde, ihn an der Stelle zu ändern, sondern es zählt nur das eigene Empfinden, dass man den Text geschrieben hat und ihn so stehen lässt. In einem anderen Blogbeitrag habe ich über Kritikfähigkeit von Autoren geschrieben.
Ist man also dazu bereit, seinen Text in die Tonne zu kippen, wenn es nötig ist, und ihn akribisch neu zu schreiben, ist man in der Welt des Schreibens richtig angekommen, weiß, weshalb man es tut und der Schweinehund hat sich in Luft aufgelöst.

Das heißt noch lange nicht, dass man das Autorendasein zu seinem neuen Beruf auserwählen muss. Denn das wirkliche Geldverdienen mit dem Bücherschreiben kann lange auf sich warten lassen.

Photo by Krzysztof (Kriss) Szkurlatowski from FreeImages

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